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„Verliebt in Europa“: Rotterdam verbindet Förderprogramme URBACT und UIA (Innovative städtische Maßnahmen)

09 May 2017

Können sich verschiedene europäische Förderprogramme gegenseitig befruchten? Und bringt die URBACT-Teilnahme Städten auch Vorteile, wenn sie an anderen Kooperationsprogrammen  mitwirken bzw. sich darauf bewerben möchten? Viel spricht dafür, wie das Beispiel der Stadt Rotterdam zeigt. Die niederländische Hafenmetropole wirkte zunächst an URBACT mit und wurde jetzt von der Europäischen Kommission für die Umsetzung von „Innovativen städtischen Maßnahmen“ (UIA) ausgewählt. Wir zeichnen die Entwicklung nach, die Rotterdam auf dem Weg durch die europäische Förderlandschaft genommen hat.

UIA: Testballon für kreative Lösungsansätze

Im Rahmen des Sonderfonds „Innovative städtische Maßnahmen“ (Urban Innovative Actions – UIA) stellt die Europäische Kommission 372 Millionen Euro EFRE-Mittel in der Förderperiode 2014-2020 bereit. Hintergrund ist der Gedanke, dass neue, kreative Lösungsansätze, die sich in der Praxis noch nicht bewährt haben, ein finanzielles Risiko für Städte darstellen. Deshalb verzichten Kommunen oft auf experimentelle Ansätze der Stadtentwicklung. Hier setzt das Programm an: Es versteht sich als „Testballon“, im Rahmen dessen Kommunen die Möglichkeit bekommen, innovative Ansätze auszuprobieren, um ihren städtischen Herausforderungen zu begegnen.

UIA-Stadt Rotterdam profitierte von URBACT-Teilnahme

Drei der Städte, die im ersten UIA-Call von der Europäischen Kommission ausgewählt wurden, waren oder sind auch im URBACT-Programm aktiv, darunter auch Rotterdam. Cleo Pouw und Hendrik-Jan Bosch haben uns von ihren positiven Erfahrungen erzählt: Cleo ist Europa-Projektmanagerin für die Stadt Rotterdam und koordinierte Rotterdams Lead Partnerschaft in den URBACT-Projekten My Generation, My Generation at Work und Resilient Europe. Hendrik-Jan arbeitet als strategischer Berater für die Stadt Rotterdam und trug erheblich zur Gestaltung und Genehmigung des neuen UIA Projekts BRIDGE bei.

Rotterdam und Europa: eine Liebesgeschichte

Rotterdams Liebe zu Europa zeigt sich an den vielen europäischen Projekten und Programmen, an denen die Stadt in der Vergangenheit beteiligt war. Die Projektmanagerin Cleo Pouw hat mit ihrer Stadt bereits an URBACT, aber auch an den Programmen Life, Horizont 2020 und jetzt an den Urban Innovative Actions teilgenommen. Die „Beziehung“ zwischen der niederländischen Hafenstadt und URBACT begann vor etwa 14 Jahren: Rotterdam leitete damals das URBACT-Netzwerk SecurCity im ersten URBACT Programmzeitraum (2002-2006) zum Thema Sicherheit in Städten (siehe Endbericht). In dieser Zeit arbeitete auch Cleo Pouw das erste Mal bei URBACT mit. Auf diesen ersten Erfahrung mit dem URBACT-Programm baute Rotterdam auf und wendete sich fortan Themen wie der Beteiligung von Jugendlichen in der Politik und der Schaffung von Arbeitsplätzen zu. Zeitgleich warb Rotterdam für die Schaffung des Titels „Europäische Jugendhauptstadt“ und wollte  auch die erste Stadt sein, die diesen Titel trägt. Die „Europäische Jugendhauptstadt“ wurde später zu einer offiziellen europäischen Auszeichnung.

Das nächste URBACT-Projekt der Stadt, „My Generation“, spiegelt diesen Themenfokus wieder. Cleo zufolge wurde das Projekt ein Erfolg, weil URBACT die Freiheit gelassen habe, zu experimentieren, junge Menschen einzubeziehen und mit anderen Städten zusammenzuarbeiten. Aufbauend auf dieser wertvollen Erfahrung entschied sich Rotterdam dazu, ähnliche Themen im nächsten URBACT-Projekt My Generation at Work anzugehen. Der Projektfokus lag hier auf den Möglichkeiten von Städten, die  Beschäftigungsfähigkeit und Beschäftigung junger Menschen zu erhöhen.

Nachdem Rotterdam Mitglied des Rockefeller-Netzwerks „100 Resilient Cities (100RC)“ geworden ist, hat sich hat die Stadt nun entschieden, das Thema Resilienz von Städten auch im Rahmen eines URBACT-Projektes zu erforschen, nämlich mit dem Netzwerk „Resilience Europe“.

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Von URBACT zu UIA: starker thematischer Zusammenhang

Rotterdam hat eine sehr hohe Bereitschaft, junge Menschen einzubeziehen und sie in die richtigen Arbeitsstellen zu vermitteln. URBACT hat Rotterdam die Möglichkeit gegeben, mit Lösungen und Methoden zu experimentieren. Diese hatten dann einen starken Einfluss die Ausgestaltung des UIA-Projektantrages Bridge. Mit dem UIA-Projekt Bridge(Building the Right Investments for Delivering a Growing Economy) möchte die Stadt sicherstellen, dass die Hälfte der Sekundarschüler in Rotterdam Süd bis 2020 einen Berufsweg in einem der Haupt-Wachstumsbereiche der Stadt einschlagen.  

Das ambitionierte Projekt bringt alle 57 Grundschulen, 20 Sekundarschulen sowie 3 Berufsschulen im Rotterdamer Süden zusammen. Das Karriere- und Talent-Orientierungsprogramm startet bereits in der Grundschule, wenn die Schüler neun Jahre alt sind und endet, wenn sie in den Arbeitsmarkt eintreten. Das wesentliche Element des Programms ist die Berufseinstiegsgarantie: Arbeitgeber werden 600 Schülern pro Jahr eine Berufseinstiegsgarantie geben (420 für den Technologiesektor und 180 im Gesundheitswesen). Dies bezieht sich auf die Schüler, die die Sekundarstufe erreichen, denn dann müssen sie wichtige Entscheidungen hinsichtlich ihrer Fächerwahl und somit auch Berufsoptionen treffen. Da die Dimensionen von UIA-Projekten sehr groß sind, leitete sich das Projekt nicht direkt aus dem lokalen Aktionsplan ab, der zuvor im URBACT-Projekt My Generation at Work Projekt entwickelt worden war. Dennoch ist die thematische Verknüpfung zwischen den beiden Projekten sehr stark. So stark, dass die Stadt Rotterdam den URBACT-Programm-Experten Eddy Adams als ihren Fachmann für die innovativen städtischen Maßnahmen ausgewählt hat und er somit eine Schlüsselfigur für die Begleitung und den Erfolg des Projektes ist.

URBACT liefert die richtigen Werkzeuge für eine UIA-Bewerbung

Cleo und Henrik-Jan heben hervor, dass URBACT einen nützlichen theoretischen Hintergrund und einen privilegierten Zugang zum Wissen anderer europäischer Stadtentwicklungspolitiken geliefert habe. URBACT erlaube ihnen zufolge die Entdeckung eines breiten Maßnahmenkatalogs und biete die Chance, tiefgreifendes Wissen über ein Thema zu erlangen. Eingefahrene Denkweisen werden überwunden [LU1] und ein sorgfältiges und strukturiertes Lernen ermöglicht. Bei der Gestaltung und dem Projektantrag für das UIA-Projekt BRIDGE wurde das URBACT-Wissen intensiv genutzt, beispielsweise im Bericht zu Arbeitsplätzen und Qualifikationen einer arbeitslosen Generation. Sie lasen „alles was Eddy Adams zu diesem Thema geschrieben hat“ sowie einen Bericht für die OECD, bei dem Peter Ramsden als Ko-Autor fungierte. Darin geht es um innovative Finanzierungsmechanismen, um Arbeitslose zur Beschäftigung zu verhelfen. Ramsden ist ebenfalls URBACT-Experte.

Cleo und Henrik-Jan betonen, dass die Teilnahme an verschiedenen URBACT-Netzwerken im Vorfeld der Stadt Rotterdam überhaupt erst das Selbstbewusstsein gegeben hätten, eine „Innovative städtische Maßnahme“ zu entwerfen und im Call einzureichen. Mit URBACT hätten sie auch die methodischen Werkzeuge an der Hand gehabt, mit denen sie auf die Auswahlkriterien der UIA reagieren konnten. Sie sagen, die URBACT-Erfahrung habe außerdem dabei geholfen, eine starke und verlässliche lokale Partnerschaft zu bilden.

Austausch und Übertragung: Ein möglicher Weg von UIA zu URBACT

Europäischer Städte helfen und unterstützen sich gegenseitig. Beispielsweise zeigte Rotterdam kürzlich bei einem Workshop 20 polnischen Städten, wie sie sich für UIA bewerben können. Der Kontakt und die Idee waren im Rahmen eines URBACT-Netzwerkes zustande gekommen. Der Prozess geht jedoch in zwei Richtungen: Auch die UIA-Erfahrung wird künftig eine wichtige Grundlage für den weiteren Austausch mit europäischen Städten sein.

Ihre bisherigen Erfahrungen mit der europäischen Zusammenarbeit haben Cleo und Hendrik-Jan gezeigt, dass es nicht immer leicht ist, städtische Modelllösungen auf andere Kommunen zu übertragen, ohne zu wissen, wie andere Städte überhaupt arbeiten und funktionieren. Deshalb möchte die Stadt Rotterdam, ausgehend von seinem UIA-Experiment, auch weiterhin bei URBACT aktiv bleiben, um ihre Erfahrungen erfolgreich mit anderen Städten zu teilen.

Bildnachweis Fotos: H. Mages