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Stay Tuned! Schulabbrechern Türen offen halten

01 September 2017

von Ian Graham. Bang! Eine Tür knallt zu. Was sich auf der anderen Seite befindet, ist nun nicht mehr zu erreichen. Jede Minute knallt eine weitere Tür zu. Stellen Sie sich vor, Sie müssten diesen Lärm hören, jede Minute, jeden Tag… Es gibt 4,4 Millionen junger Menschen zwischen 18 und 24 Jahren in ganz Europa, die die Schule, Ausbildung oder Hochschule ohne Abschluss verlassen haben. Für jeden von ihnen geht damit eine Tür der Möglichkeiten zu. Jedes Jahr schließen sich ungefähr 630.000 solcher Türen, 72 pro Stunde… mehr als eine pro Minute. Im Gegensatz zu echten Türen machen diese Tore der Möglichkeiten, die sich vor der Nase von Europas Jugend schließen, oft kaum Geräusche, wenn sie zugehen – die meisten von uns bekommen nichts davon mit. Doch in dem Moment, da Sie das lesen, geht eine weitere Tür für einen jungen Menschen zu, und noch eine. Wenn Sie den Artikel zu Ende gelesen haben, werden es zehn sein.

Kaum belastbare Zahlen für Gründe und Folgen des Schulabbruchs

Menschen, die in diesem Bereich arbeiten, kennen das Problem der Schulabbrecher gut, normalerweise haben sie auch ein gutes Gespür für die Ausmaße der Herausforderung in ihrer eigenen Stadt. Diese Einschätzung mit Zahlen zu hinterlegen ist schon schwieriger, und viele Städte müssen bislang noch ohne belastbare Daten auskommen. Das hat verschiedene Gründe: Angefangen bei nationalen Gesetzgebungen und Rahmenbedingungen, die diese Daten nicht auf Stadtteil-Ebene verfügbar machen, wie es zum Beispiel in Frankreich der Fall ist, bis hin zu den Städten selbst, die nicht die Kapazitäten oder Strukturen haben, um die Daten über Schulabbrecher zu sammeln oder um sie auszuwerten. Was auch immer die Gründe sind – fehlende Daten erschweren ein effektives Vorgehen auf lokaler Ebene.

Doch selbst in den Städten, wo es Daten gibt und diese auch effektiv genutzt werden, bleibt das Nachvollziehen sowohl der Gründe, als auch der Folgen einer abgebrochenen (Schul-)ausbildung eine Herausforderung. Ohne eine individuelle Nachverfolgung der jungen Menschen durch das gesamte Schulsystem hindurch ist es beinah unmöglich, das wirkliche Bild zu erkennen. Verlässt jemand, der mit 17 von der Schule abgeht, das Bildungssystem komplett, oder taucht er drei Monate später in einer anderen Institution wieder auf? Wie können wir die Umstände für den Schulabbruch verstehen, wenn wir nicht einmal wissen, wo die Schüler danach hingehen oder wer sie überhaupt sind? Dafür können Städte ihre Kapazitäten zur Daten-Erfassung und -Auswertung verbessern, und das hat für die meisten Kommunen auch Priorität. Aber neue Nachverfolgungs- und Monitoring-Systeme sind im besten Fall komplex und teuer, im schlechtesten Fall sind sie unter der aktuellen Gesetzgebung nicht zulässig. Und ohne diese Innenansicht werden sich Städte in ihrer Sozialpolitik immer in weiten Teilen auf ihre Intuition verlassen müssen.

Viele gute Praxis-Ansätze und Strategien vorhanden

Der Vorteil in diesem Bereich ist, dass es viele gute Praxisbeispiele für das Problem der Schul- und Ausbildungs-Abbrecher gibt, die anerkannt und gut dokumentiert sind. In der EU war die Reduzierung von jungen Menschen, die Schule oder Ausbildung abbrechen, schon vor 2010 eine Priorität. Dadurch gibt es mittlerweile einen reichen Erfahrungsschatz und zahlreiche sorgsam entwickelte politische Strategien, die bislang in den Mitgliedstaaten in Europa zur Anwendung gekommen sind.

Viele dieser Maßnahmen basieren auf einer breiten Beteiligung aller möglichen Akteure, die mit dem Alltagsleben in der Schule und der Entwicklung der jungen Menschen zu tun haben. Grundlage bilden Forschungsergebnisse, die sich auf die Hilfe der Eltern oder anderer außerschulischer Unterstützungsmöglichkeiten stützen. Beide sind Schlüssel für den Erfolg im Bildungssystem, manchmal mehr als das das Bildungssystem selbst. Politikansätze wie der „Ganzheitliche Schul-Ansatz“ und die Entwicklung von Gesamtschulen unterstützen diesen Typ der umfassenden Beteiligung und werden auf EU-Ebene im Bereich der Erziehung und Ausbildung angepriesen. Was wir aber immer noch brauchen, das sind belastbare Tests dieser politischen Maßnahmen, genauso wie Handlungsempfehlungen oder Überprüfungen, die klar machen, wie solche Maßnahmen umgesetzt werden müssen, um die gewünschten Resultate zu erzielen.

Bei der Übertragung von Praxisbeispielen ist der Kontext entscheidend

Während es in diesem Bereich viele Politikansätze gibt, so gibt es vergleichsweise wenige überprüfte Maßnahmen, die im Detail evaluiert wurden, und die auch den Kontext berücksichtigen, innerhalb dessen sie umgesetzt wurden. Kontext ist aber alles, wenn es darum geht, politische Maßnahmen gegen das vorzeitige Verlassen der Schule und Ausbildung umzusetzen: Was in einer Umgebung gut funktioniert, wird deshalb nicht zwingend auch vor einem anderen Hintergrund erfolgreich sein. Die erfolgreiche Methode einer Kommune mit stabilen Bevölkerungszahlen wird in einer Stadt mit hohen Zuwanderungsraten aus dem Ausland nicht funktionieren. Ein Plan, der in einer ländlichen Kleinstadt gut läuft, die sich lediglich auf einen oder zwei Industriebereiche stützt, ist nicht übertragbar auf eine Hauptstadt mit einer vielfältigen, gemischten Wirtschaft. Das Verständnis für die Bedeutung des jeweiligen Kontextes ist der Kernbereich der aktuellen Untersuchungen und auch einer, den das URBACT-Umsetzungs-Netzwerk „Stay Tuned!“ angeht.

Die Ausbildungssysteme in Europa sind sehr unterschiedlich. Das heißt, dass jedes gute Praxisbeispiel nur vor einem bestimmten Hintergrund relevant oder nur auf bestimmte Länder übertragbar ist. Es ist entscheidend, diese wichtigen „Bedingungen der Umsetzung“ für jedes Praxisbeispiel zu verstehen: Was genau macht es effektiv? Warum funktioniert es? Welche Bedingungen müssen dafür gegeben sein? Wenn das dann mit einer sorgfältigen Grundlagen-Evaluation der Stadt verbunden wird, die dieses gute Praxisbeispiel adaptieren möchte, und sowohl Beispiel-Stadt als auch Anwender-Stadt schauen, wo die möglichen Schnittstellen sind, kann eine Übertragung des Praxisbeispiels – oder einer angepassten Version – erfolgen. Ohne solche Vorab-Anpassungen vorzunehmen, gibt es ein hohes Risiko, dass die Maßnahmen nicht so wirken, wie sie sollten. Ein hohes Risiko, gerade angesichts der schrumpfenden Ressourcen in vielen Kommunen.

Umsetzungs-Netzwerke stehen vor anderen Herausforderungen als Aktionsplanungs-Netzwerke

Schulabbruch ist nicht das einzige Fachgebiet, in dem der Kontext für die Umsetzung von Bedeutung ist. In den meisten Bereichen spielt dieser eine wichtige Rolle. Die URBACT Umsetzungs-Netzwerke, wie es auch „Stay Tuned!“ eines ist, müssen sich damit auseinandersetzen: Sie alle haben zu Projektbeginn schon fertige Strategien vorliegen, die sie nun im Rahmen von URBACT in die Praxis umsetzen. Im Vergleich zu den URBACT Aktionsplanungs-Netzwerken (bei denen die Strategien im Rahmen des Netzwerkes erst entwickelt werden) ist die größte Herausforderung für die Umsetzungs-Netzwerke, dass eine gemeinsame Durchführung nicht dasselbe ist, wie eine gemeinsame Planung. Während die Prinzipien die gleichen sind (z. B. integrierter Ansatz, Beteiligung von Stakeholdern) ist die praktische Anwendung unterschiedlich. Deshalb haben die lokalen Arbeitsgruppen bei den Umsetzungs-Netzwerken eine ganz andere Rolle als bei den Aktionsplanungs-Netzwerken.

Fachleute des „Wandels“ gefragt

Für eine erfolgreiche Anwendung bzw. Umsetzung einer politischen Strategie sind neben den fachlichen Experten nämlich auch Fachleute des „Wandels“ notwendig, die die Politik gestalten und koordinieren und den Übergang vom Status Quo in die Zukunft begleiten. Das wird oft übersehen, nicht zuletzt weil es oft funktioniert, eine neue Strategie umzusetzen ohne jegliche Expertise im Bereich „Wandel“ in Anspruch zu nehmen. Das beruht dann entweder ganz einfach auf Glück, oder darauf, dass die Leute, die die Strategie umsetzen, bereits Erfahrungen in Fähigkeiten in diesem Fachgebiet haben – sie benennen es nur nicht als Fähigkeit oder Disziplin.

Dies führt zu einer gewissen „Umsetzungs-Blindheit“ – eine Situation, bei der diejenigen, die etwas erfolgreich umsetzen, nicht wissen, warum sie Erfolg haben. Auf die Dinge mit einer „Umsetzungs-Linse“ zu schauen, ist neu für viele Menschen. Bei „Stay Tuned!“ sind die meisten Vertreter der Partnerstädte eher Praktiker aus dem Bereich Ausbildung und Jugend als Fachleute des „Wandels“. Das bedeutet nicht, dass sie ihre Strategien nicht erfolgreich umsetzen können. Aber es heißt, dass es nicht alltäglich ist, Umsetzung als Disziplin mit eigener Daseinsberechtigung zu betrachten, mit eigenen Fähigkeiten, Methoden und Denkmustern, die dafür notwendig sind.

Die Tür offen halten

Mit den vielen guten Beispielen und Strategien im Bereich Schulabbruch wird das Netzwerk „Stay Tuned!“ ein notwendiges Licht auf die Praxis der Umsetzung werfen, die mit anderen Stadtverwaltung in ganz Europa geteilt werden kann. Auf der anderen Seite geht es natürlich um die inhaltlichen Erfolge: Junge Menschen aufzufangen, die die Schule oder Ausbildung abbrechen. Dafür möchte das Netzwerk die Türen für junge Menschen offen halten.

Bildnachweis: Goodluz, Fotolia.com