Leistbares Wohnen: Sechs Städte zeigen erfolgreiche Lösungsansätze

Edited on 10/07/2026

Innovativer, nachhaltiger, sozial inklusiver und leistbarer Wohnraum in Wien

Innovativer, nachhaltiger, sozial inklusiver und leistbarer Wohnraum in Wien

Was können Städte machen, wenn Wohnen schwer leistbar wird? Im Vorfeld des nächsten EU City Lab zum Thema Wohnen lohnt sich ein Blick auf sechs ausgezeichnete URBACT Good Practices, die praxisnahe Antworten auf die Wohnungsfrage geben.

Wohnen ist grundlegend für unsere tägliche Gesundheit, unser Wohlbefinden und selbstbestimmtes Leben. Doch laut Daten von Eurostat, die vom Europäischen Parlament zitiert werden, sind die Wohnungspreise in der EU in den letzten 10 Jahren gestiegen. Mehr als jeder zehnte Haushalt in europäischen Städten gibt mittlerweile über 40 % seines verfügbaren Einkommens für Wohnen aus.

Wie können lokale Stadtverwaltungen darauf reagieren?

Zur Inspiration werden hier sechs praktische Lösungen präsentiert, die in europäischen Städten und Gemeinden genutzt werden, um den Zugang zu sicherem, angemessenem Wohnraum zu verbessern. Zwei dieser Beispiele – Garges-lès-Gonesse (Frankreich) und Wien (Österreich) – werden ihre Erfahrungen auch beim kommenden EU City Lab zum Thema Wohnen vorstellen.

Alle sechs Initiativen wurden 2024 als URBACT Good Practices ausgezeichnet – nicht nur wegen ihrer lokalen Wirkung und ihres integrierten, partizipativen Ansatzes, sondern auch, weil sie sich auf andere Städte übertragen lassen.

Im Folgenden finden Sie einen Überblick über die einzelnen Good Practices sowie Anregungen, wie sich ihre Ansätze – unabhängig von der Größe Ihrer Gemeinde – vor Ort nutzen lassen.

Gemeinsam gegen mangelhafen Wohnraum 

Ein proaktiver Ansatz, an dem alle Beteiligten mitwirken (Multi-Stakeholder-Ansatz) ist unerlässlich, um die Lebensbedingungen in heruntergekommenen, ungesunden und unsicheren Wohngebieten zu verbessern. 

Die folgenden drei Lösungen bringen verschiedene Akteursgruppen - von privaten Eigentümer:innen bis hin zu Staatsanwält:innen - zusammen, um gegen Substandard-Wohnungen vorzugehen und gleichzeitig die soziale Eingliederung und ökologische Nachhaltigkeit zu fördern.

#1 – Clichy-sous-Bois, Grigny, Mantes-la-Jolie und Villepinte (FR)

Dieser Rahmen zur Verbesserung von Privatwohnungen konzentriert sich auf private Eigentumswohnungen in vier Pariser Vororten, die alle unter finanziellen und technischen Schwierigkeiten, unzureichendem Wohnen und verwahrlosten öffentlichen Räumen leiden.

Die Initiative wird von der Etablissement public foncier d’Île-de-France (EPFIF) im Rahmen eines lokalen Programms zur Verbesserung von Privatwohnungen (ORCOD-IN) durchgeführt. Sie umfasst sowohl kurzfristige Maßnahmen zur Verbesserung der Lebensbedingungen als auch langfristige Transformationsprojekte, zum Beispiel:

  • Abriss der am stärksten heruntergekommenen Eigentumswohnungen oder Umwandlung in sozialen Wohnbau, Sanierung öffentlicher Einrichtungen und Begrünung öffentlicher Räume.
  • Verbesserung und Diversifizierung von Wirtschaft und Handel
  • Methodische Unterstützung und Zuschüsse für die Eigentümergemeinschaften zur Behebung finanzieller Schwierigkeiten und Verbesserung der Energieeffizienz.
  • Soziale Unterstützung für Eigentümer:innen, um bei Schulden und administrativen Problemen zu helfen, und gegebenenfalls Umsiedlung in sozialen Wohnbau.

Die partnerschaftliche Governance ist um technische und Lenkungskomitees organisiert, in die viele Akteursgruppen eingebunden sind: von privaten Eigentümer:innen, Wohnungseigentümergemeinschaften und Geschäftsinhabern bis zu staatlichen Behörden, sozialen Wohnbauorganisationen, Gerichten, Polizei, Stadtverwaltungen, Agglomerationen, Départements und der Region.

Building

 

#2 – Schaerbeek (BE)

Das Wohnungsinspektionssystem ILHO (Investigation Logement Huisvesting Onderzoek) in Schaerbeek vereint verschiedene Akteursgruppen zur Bekämpfung unsicherer Lebensbedingungen und der Ausbeutung durch Vermieter:innen und zur Verbesserung der Lebensqualität der Mieter:innen. In neun Jahren haben 1.000 Haushalte in 137 Gebäuden davon profitiert.

Koordiniert von den Abteilungen für Stadtplanung und Bevölkerung, sammelt ILHO Daten aus verschiedenen Quellen, darunter Polizei, Stadtplanung und Steuerbehörden. In einem abteilungsübergreifenden Ansatz informiert die Polizei die Stadtplanung über Mietzahlen und den Status der Unterkünfte, und die Abteilung für Bevölkerung teilt Informationen über unzulässige Wohnregistrierungen mit.

Dies ermöglicht es ILHO, Wohnungen mit unzureichender Belüftung, hoher Luftfeuchtigkeit und anderen ernsthaften Gesundheits- und Sicherheitsproblemen zu identifizieren. Beamte besuchen priorisierte Wohnungen – zusammen mit der Stadtplanung, Polizei und anderen Behörden nach Bedarf – was es der Staatsanwaltschaft ermöglicht, strafrechtliche Maßnahmen gegen Vermieter:innen zu ergreifen. ILHO unterstützt auch Vermieter:innen bei der Renovierung unzureichender Gebäude und hilft Mietern mit sozialen und juristischen Bedarfen.

Inzwischen haben auch andere Stadtteile Brüssels wie Ixelles und Anderlecht das Schaerbeeker Modell übernommen, einschließlich des neuen „Würde-Systems“ in Anderlecht.

Schaerbeek SAME Festival

 

#3 – Garges-lès-Gonesse (FR)

Ein Monitoring-Instrument (VOC) hilft dabei, problematische Wohungseigentumsanlagen frühzeitig zu erkennen und gezielt Maßnahmen einzuleiten. Von der Regierung empfohlen, aber nicht verpflichtend verfolgt es negative Entwicklungen in großen Wohnkomplexen, ermittelt den erforderlichen Handlungsbedarf und bietet maßgeschneiderte Lösungen für von Problemen betroffenen Wohnungseigentumsanlagen.

Mit Hilfe dieses Instruments untersuchte Garges-lès-Gonesse 4 800 Wohneinheiten in 64 Eigentumswohnungen, von denen 41 mehr als 55 % unbezahlten Beiträgen hatten. Die Maßnahmen umfassten Schutzpläne, ein spezielles operationelles Betriebsprogramm und thermische Renovierungsarbeiten - mit einem durchschnittlichen Energiegewinn von 45 %.

Die Stadt und die Präfektur arbeiten partnerschaftlich zusammen, wobei die Präfektur Anordnungen für Verstöße gegen das Gesetz über das öffentliche Gesundheitswesen in Bezug auf Substandard-Unterkünfte erlässt. Zwischen 2021 und 2023 wurden für solche Verstöße Strafen von über 100 000 EUR verhängt.

Was können Städte daraus lernen?

Alle vorgestellten Beispiele begegnen erfolgreich ökologischen, wirtschaftlichen und sozialen Herausforderungen im Bereich Wohnen (z. B. mangelhafter Wohnraum, Überbelegung oder die Ausbeutung schutzbedürftiger Bewohner:innen). Unabhängig davon, ob Wohnraum in privatem oder öffentlichem Eigentum steht, sind ein systematisches Vorgehen unter Einbindung verschiedener Akteur:innen sowie geeignete rechtliche, finanzielle und regulatorische Instrumente entscheidend.

Dazu zählen auch sektorübergreifende Partnerschaften, um Daten zu spezifischen Wohnproblemen zu erfassen, auszutauschen und daraus kurz- wie langfristig passende Maßnahmen abzuleiten.

Im Fall der Praxis #2 teilt das ILHO-Team seinen Ansatz bereits mit anderen Städten, zum Beispiel über die Vereinigung der Städte und Gemeinden (Brulocalis).

Building

 

Innovative Wohnmodelle, die Bewohner:innen und Eigentümer:innen stärken

Die folgenden Good Practices zeigen, dass innovative Ansätze nicht nur den Zugang zu leistbarem Wohnraum verbessern, sondern zugleich öffentliche Räume aufwerten, den Klimaschutz fördern und den sozialen Zusammenhalt stärken.

#4 – Trnava (SK)

Mit Revitalisierung öffentlicher Räume wurde der öffentliche Raum einer Wohnsiedlung umfassend neugestaltet. Durch einen offenen Planungswettbewerb und einen intensiven Beteiligungsprozess entstanden neue Grün- und Wasserflächen, Gemeinschaftsgärten, Spiel- und Bewegungsflächen, sichere Fußwege und Beleuchtung, naturnahe Grünflächen und ein Biotop. 

Aus einer schlichten Freifläche mit wenigen Nutzungsmöglichkeiten, vernachlässigten Wegen und unsicherer Stadtmöblierung ist ein artenreicher und beliebter Treffpunkt im öffentlichen Raum entstanden, der wesentlich zum Wohlbefinden der Bewohner:innen beiträgt.

Das Modell wurde inzwischen genutzt, um weitere städtische Bereiche in Trnava aufzuwerten. Es beruht auf drei zentralen Prinzipien: einem offenen Planungswettbewerb, einem partizipativen Prozess und der Ausrichtung an den wichtigsten EU-Agenden.

#5 – Göteborg (SE)

Göteborg setzt auf intelligente Gestaltung und Zusammenarbeit vor Ort, um das Sicherheitsgefühl zu stärken und Menschen mit besonderen Bedürfnissen in regulären Wohngegenden unterzubringen.

Der Ansatz wurde als Alternative zu kostenintensiven und nicht nachhaltigen Strategien entwickelt, die sozial benachteiligte Gruppen durch ausgrenzende Architektur, Überwachung und Regulierung an die Ränder der Städte verdrängen. Bei der Bearbeitung von Fragen der Stadtentwicklung und Sicherheit werden die Perspektiven sozial benachteiligter Menschen gezielt einbezogen.

Im Mittelpunkt stehen: 

  1. Ein Kooperationsmodell für ortsbezogene Zusammenarbeit im Bereich betreutes Wohnen, das die Bedürfnisse sozial benachteiligter Menschen gleichwertig mit jenen der Gesamtbevölkerung berücksichtigt;
  2. Ein funktionales Konzept für betreutes Wohnen, das der Stadt als Leitlinie für die zukünftige Auswahl und Ausstattung geeigneter Räumlichkeiten für sozial vulnerable Personen dient;
  3. Eine Überprüfung bestehender Stadtentwicklungsprozesse, um im Rahmen von Pilotprojekten bessere Ansätze für die Einbeziehung sozial benachteiligter Gruppen in die Stadtplanung zu erproben.

Gothemburg

#6 – Wien (AT)

Der Bauträgerwettbewerb stellt sicher, dass innovative, nachhaltige, sozial inklusive und erschwingliche Wohnungen gebaut werden. Der wohnfonds_wien (Fonds für Wohnbau und Stadterneuerung) lädt sowohl gemeinnützige als auch kommerzielle Bauträger ein, sich bei Wettbewerbsausschreibungen zu bewerben. Dabei entwickeln Bauträger und Architekt:innen gemeinsam mit Expert:innen ihre Realisierungskonzepte für die ausgelobten Bauplätze. Eine interdisziplinäre Fachjury ermittelt die Siegerprojekte. Dabei kommen vier Qualitätskriterien in vier Hauptkategorien zur Anwendung: 

  • Wirtschaftlichkeit: Grundkosten, Gesamtkosten des Baus, Nutzungskosten und Vertragsbedingungen.
  • Soziale Nachhaltigkeit: Eignung für den Alltag, Kostenreduktion durch Planung, gemeinschaftliches Wohnen, Wohnungen für sich verändernde Bedürfnisse.
  • Architektur: Gebäude- und Wohnungsstruktur.
  • Ökologie: Klimafreundlicher Bau, der Ressourcen schont, gesundes und umweltbewusstes Wohnen sowie grüne Außenräume.

Was können Städte daraus lernen?

Alle drei Ansätze verdeutlichen, dass innovative und partizipative Stadtplanung wesentlich dazu beitragen kann,

  • leistbaren Wohnraum zu schaffen, 
  • Nachhaltigkeit zu fördern, 
  • soziale Inklusion zu stärken 
  • und lebenswerte Quartiere zu entwickeln. 

Viele dieser Ansätze lassen sich an unterschiedliche lokale Rahmenbedingungen von Städten und Gemeinden anpassen.

Vienna

Gemeinsam die Wohnkrise bewältigen

Die hier vorgestellten Beispiele zeigen eindrucksvoll, welchen Beitrag Städte und Gemeinden leisten können, um leistbaren, sicheren und nachhaltigen Wohnraum für alle zugänglich zu machen.

Weitere URBACT Good Practices bieten praxiserprobte Lösungen zu zahlreichen Themen der nachhaltigen Stadtentwicklung – von Klimaschutz über Energieeffizienz bis hin zu Mobilität und sozialer Inklusion.

Wer noch mehr Beispiele und Hintergrundinformationen zum Thema sucht, findet diese im URBACT Knowledge Hub „Adequate and Affordable Housing.


Der Artikel basiert auf der Übersetzung des URBACT-Artikels "Six URBACT Good Practices making housing safer and more affordable across Europe".

 

Submitted by on 30/04/2025
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Martina Bach

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