Das Abfallmanagement-Cluster und die erste thematische Studienreise in München

Edited on 20/05/2026

Von Bayern bis zum Balkan: Wie Münchens Kreislaufwirtschaftsvision die URBACT-Pioneers inspiriert. 

Sieben Städte im westlichen Balkan stehen Bergen von Abfall und einem linearen Konsummodell gegenüber. Ihre ambitionierte Mission: Mülldeponien in die Vergangenheit schicken und Kreislaufwirtschaft in den Vordergrund rücken. 

Der „URBACT Pioneers Accelerator“ ist ein maßgeschneidertes Lernprogramm von URBACT, das Städte aus den EU-Beitrittsländern (Albanien, Bosnien und Herzegowina, Montenegro, Nordmazedonien und Serbien) dabei unterstützt, durch Austausch, Training und Pilotprojekte nachhaltige und integrierte Stadtentwicklung voranzubringen. Dieses Programm ist in vier Themenbereiche gegliedert – Mobilität, nachhaltiger Tourismus, Abfallwirtschaft und städtische Natur – und befasst sich mit einigen der drängendsten Herausforderungen für Städte. 

Für das Abfallmanagement-Cluster des „URBACT Pioneers Accelerator“ ist diese Herausforderung zentral. Die Städte Kamza (Albanien), Mostar (Bosnien und Herzegowina), Trebinje (Bosnien und Herzegowina), Shtip (Nordmazedonien), Herceg Novi (Montenegro), Bački Petrovac (Serbien) und Novi Pazar (Serbien) nehmen an dem „URBACT Pionier Accelerator“ teil. Dabei fokussiert sich das Lernprogramm auf verschiedene Herausforderung im Bereich des Abfallmanagements, wie das Erstellen von Zero-Waste-Plänen, der Aufbau von notwendigen Infrastrukturen für die Kreislaufwirtschaft und die Sensibilisierung der Öffentlichkeit zu diesen Themen. 

Der Übergang von abstrakten Zielen zu konkreten Maßnahmen begann im Oktober 2025: In der ersten Studienreise, geführt von  Nuša Lazar als thematischer Expertin, tauschten die Pioneers theoretische Debatten gegen praktisches Lernen begaben sich auf eine intensive Erkundung einer der führenden Vorreiterinnen Europas im Bereich Nachhaltigkeit: München. 

Wibke Borngesser, Projektmanagerin für europäische und internationale Projekte der Stadt München, kommentierte: „Es war eine Ehre für die Stadt München, die enthusiastischen Pioneers des Abfallmanagement-Clusters empfangen zu können. Unsere Reise zu einer zirkulären, Zero-Waste-Stadt war ein jahrzehntelanger Prozess und wir freuen uns, unsere Erfahrungen, Erfolge und Erkenntnisse der letzten Jahre teilen zu können.“ 

Dieser zweitägige Studienaufenthalt war kein Vortrag, sondern eine Übung zur eigenen Konzeptvalidierung, die als Inspiration für den Sprung von der „Discover“-Projektphase zur „Define“-Phase für den „URBACT Pioneers Accelerator“ dient. 

Von der Vision zur Aktion

Das Ziel des Besuchs bestand darin, Münchens „Zero Waste“-Ziele greifbar zu machen. Das Programm der Pioneers, geführt von Nuša Lazar, kombinierte politische Präsentationen mit lehreichen Exkursionen vor Ort. Die Teams lernten, wie München erfolgreich starken politischen Einsatz mit durchdachten, grundlegenden Bildungsmaßnahmen verknüpft hat, inklusive Beteiligungsmöglichkeiten für die Bürger:innen und unter Einbindung von EU-Projekten wie den URBACT-Programmen LET’S GO CIRCULAR!, ASCEND und CIRCOFIN

Die stärksten Eindrücke kamen jedoch durch das Begehen der gebauten Infrastruktur in München selbst: 

  1. Das Recycling-Zentrum: Die Pioneers konnten sich von der enormen betrieblichen Effizienz des kommunalen Abfallentsorgungsunternehmens (AWM) überzeugen. Dieser Einblick legte die Logistik von großvolumigem Recycling offen und lieferte einen klaren Maßstab für die Möglichkeiten eines öffentlichen Versorgungsunternehmens mit entsprechenden Befugnissen. 
  2. Halle 2: Der kommunale Second-Hand-Shop ist ein schillerndes Beispiel für Kreislaufwirtschaft in der Praxis. Über den Laden an sich hinausgehend steht er für die kommunale Verpflichtung zu Wiedernutzung und Reparatur, indem Konsumverhalten und die Gebrauchsdauer von Produkten und Gütern aktiv angesprochen und angegangen werden. Er stellt somit ein soziales und wirtschaftliches Beispiel für die Reduzierung von kommunalem Abfall dar. 
  3. Zero-Waste-Workshop: Diese interaktive Veranstaltung stellte die soziale Dimension von Kreislaufwirtschaft in den Mittelpunkt und zeigte praxistaugliche Maßnahmen für die Änderung des Konsumverhaltens auf. Die Pioneers lernten, wie sie wirksame Maßnahmen zur Einbindung der lokalen Bevölkerung konzipieren, die Erwartungen von Akteuren managen und die Akzeptanz in der Bevölkerung fördern können. 

Wie Marko Ćapin von der Entwicklungsagentur TREDEA in Trebinje (Bosnien und Herzegowina) feststellte: "Für uns war der Studienbesuch in München wirklich eine prägende Erfahrung. Zum ersten Mal konnten wir sehen, wie eine Kreislaufwirtschaft funktioniert – von strategischer Planung und langfristigen politischen Entscheidungen über EU-finanzierte Projekte wie LET'S GO CIRCULAR!, ASCEND und CIRCOFIN bis hin zur praktischen Realität des AWM-Recyclingzentrums und der Halle 2 als Gebrauchtwarenkaufhaus. Aus erster Hand die Ergebnisse zu sehen, die über mehr als 40 Jahre aufgebaut wurden, verdeutlicht, dass Veränderung möglich ist – sie erfordert Engagement und Kontinuität, bringt aber tiefgreifende und nachhaltige Vorteile. Wir kehren mit neuer Motivation und konkreten Ideen nach Hause zurück, die wir an den lokalen Kontext unserer Städte anpassen können."

Die Herausforderung der Übertragung auf den eigenen Kontext

Die Stimmung unter den Pioneers war euphorisch und spiegelte sich in einer starken, einheitlichen Zufriedenheit mit dem Studienbesuch wider. Während der Abschlusssitzung verlagerte sich der Fokus schnell von Bewunderung zu Anwendung. Ihre anschließenden Fragen offenbarten die Tiefe der Herausforderung, der sie bereit sind, sich zu stellen: 

  • "Wie können wir ein Recyclingzentrum in unserer Stadt einrichten?" 
  • "Wie motivieren wir mehr Menschen (Haushalte, Schulen und Unternehmen), verantwortungsbewusst mit dem Abfall umzugehen, den sie produzieren?" 
  • "Wie integrieren wir Münchens Ideen in unsere lokale Denkweise?"

Nikola Iliev von der Stadt Shtip (Nordmazedonien) bemerkte: "Für uns alle war der Studienbesuch in München sowohl inspirierend als auch motivierend. Aus erster Hand zu erleben, wie die Stadt intelligentes Abfallmanagement, Initiativen zur Wiederverwendung und starke Bürgerbeteiligung kombiniert, hat uns geholfen, über unsere eigenen Praktiken und Herausforderungen nachzudenken. Der Besuch hat uns in unserer gemeinsamen Überzeugung bestärkt, dass wirkungsvolle Veränderungen durch Zusammenarbeit, Vertrauen und praktisches Lernen entstehen – Erkenntnisse, die wir gerne mit nach Hause nehmen und im Rahmen des URBACT Pioneers Accelerators in unseren Städten umsetzen möchten."

Dieser Prozess, in dem konkret versucht wird das Erlernte auf den eigenen Kontext zu übertragen, ist der kritische Transfermoment. Die Pioneers nehmen nicht nur das Wissen darüber, was München macht, mit nach Hause, sondern auch praktische Werkzeuge und Fragen, wie sie ähnliche Strategien anwenden können – sei es durch die Einführung von Wettbewerben zur Sammlung von Textilabfällen in Schulen, die Organisation kostenloser Beratung für Haushalte und Unternehmen zum Thema Abfallmanagement oder die Entwicklung intensiverer Bildungsarbeit mit jungen Menschen vor Ort mit Hilfe von Versorgungsunternehmen, die für die Abfallentsorgung in ihren Städten zuständig sind.

Wibke Borngesser aus München erklärte abschließend: "Wir waren beeindruckt von der Motivation, den Eindrücken aus den unterschiedlichen Städten und der Zielstrebigkeit, den die Pioneers an den Tag gelegt haben. Ihre gezielten Fragen – mit Schwerpunkt auf der Übertragung auf den eigenen Kontext, die Finanzierung und grundlegende Bildungsarbeit – zeigten ein starkes Engagement, über die Theorie hinaus und direkt in die Praxis zu gehen. Wir wünschen den Pioneersn alles Gute für den anspruchsvollen, aber lohnenden Aufbau eigener Strukturen und freuen uns darauf, ihren Fortschritt beim Aufbau nachhaltiger, zirkulärer Abfallsysteme vor Ort zu verfolgen."

 

Der Artikel basiert auf dem aus dem Englischen übersetzten Artikel „Waste Management Cluster & First thematic learning expedition in Munich“ von Nuša Lazar. Übersetzung von Dorothea Löffler.

Submitted by on 20/05/2026
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Heike Mages

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