Mannheim auf dem Weg zur Nachhaltigkeit
Städte stehen heute vor der Herausforderung, ambitionierte Ziele für Klima- und Biodiversitätsschutz zu verfolgen und gleichzeitig soziale sowie wirtschaftliche Nachhaltigkeit zu sichern. Bislang hat keine europäische Stadt die Nachhaltigkeitsziele der Vereinten Nationen (Sustainable Development Goals, SDGs) der Agenda 2030 vollständig erreicht. Vor diesem Hintergrund hat die Stadt Mannheim das Leitbild „Mannheim 2030“ entwickelt, um die 17 Nachhaltigkeitsziele der UN auf lokaler Ebene umzusetzen.
Um diese Strategie weiterzuentwickeln, beteiligte sich Mannheim am URBACT-Netzwerk „Cities for Sustainability Governance“. Gemeinsam mit anderen europäischen Städten ging die Stadt der Frage nach, wie eine nachhaltigkeitsorientierte Steuerung von Verwaltung und Politik dazu beitragen kann, Engagement, Vertrauen und Handlungsfähigkeit zu stärken und so die Nachhaltigkeitsziele bis 2030 besser zu erreichen.
Wie Nachhaltigkeitsziele auf lokaler Ebene in Mannheim umgesetzt werden
Um die UN-Nachhaltigkeitsziele stärker in Verwaltung und Stadtgesellschaft zu verankern, entwickelte Mannheim im Rahmen seines Integrierten Handlungskonzepts Maßnahmen zur besseren Zusammenarbeit innerhalb der Verwaltung, zur stärkeren Beteiligung der Bevölkerung sowie zum Ausbau des Austauschs mit anderen Städten. Viele dieser Maßnahmen konnten inzwischen umgesetzt werden.
Die Erarbeitung des Integrierten Handlungskonzepts erwies sich dabei als weit mehr als eine reine Planungsaufgabe. Der Prozess stärkte die Zusammenarbeit innerhalb der Verwaltung, machte Entwicklungspotenziale sichtbar und eröffnete neue Möglichkeiten für die europäische Kooperation. Auch der Wissensaustausch mit anderen Städten wurde weiter ausgebaut. Ein besonderes Ziel war es, die Mitwirkung von Städten auf die politische Debatte zur Umsetzung der Agenda 2030 und der UN-Nachhaltigkeitsziele auf Bundesebene zu stärken, etwa durch die Entwicklung von einem „Voluntary Subnational Review“ zusammen mit den Städten Bonn, Hamburg und Stuttgart. Der Report dokumentierte die die Fortschritte der Städte bei der Umsetzung der Nachhaltigkeitsziele.
Damit die Nachhaltigkeitsziele auch im Alltag der Menschen ankommen, setzte Mannheim auf die aktive Einbindung der Stadtteile. Das Quartiersmanagement pflegt dafür regelmäßige Kontakte zu lokalen Akteur:innen und schafft Räume für den Austausch. So fließen die Perspektiven der Bewohner:innen kontinuierlich in die weitere Stadtentwicklung ein.
Eröffnung neuer Perspektiven
Die Zusammenarbeit im Netzwerk hat Mannheim gezeigt, welcher wertvolle Erfahrungsschatz in europäischen Städten vorhanden ist. So profitiert die Stadt beispielsweise von den Erfahrungen Tallinns im Bereich der Digitalisierung und von den bürgerorientierten Nachhaltigkeitsberichten der portugiesischen Stadt Braga, die konsequent die Perspektive der Einwohner:innen in den Mittelpunkt stellen.
Gleichzeitig entstanden aus diesen Kontakten neue Kooperationen. Ein Beispiel dafür ist die erfolgreiche Bewerbung gemeinsam mit der slowakischen Stadt Košice für ein dreijähriges EU-gefördertes Projekt zu Energiewende und Technologie in Städten. Das Netzwerk wirkte damit nicht nur als Plattform für den Austausch von Wissen, sondern auch als Ausgangspunkt für neue gemeinsame Projekte und langfristige europäische Partnerschaften.
„Insgesamt wächst man selbst und die eigenen Kompetenzen erweitern sich durch die europäische Zusammenarbeit, man empowert sich und kann Dinge anders einschätzen. Neben den großen Herausforderungen der wirtschaftlichen Prosperität und der sozialen Kohäsion in Europa ist aktuell die größte Herausforderung die Sicherung der Demokratie in den europäischen Staaten. Dazu trägt die europäische Zusammenarbeit bei.“
Christian Hübel, Fachbereichsleiter Demokratie und Strategie, Stadt Mannheim, Projektkoordinator für Mannheim im URBACT-Projekt „Cities for Sustainability Governance“
Mehr Informationen zum URBACT-Netzwerk „Cities for Sustainability Governance“ in Mannheim:
- Netzwerk-Website von „Cities for Sustainability Governance“
- Zusammenfassender Artikel zu den finalen Netzwerkprodukten der Partnerstädte
- Interview mit Christian Hübel von der Stadt Mannheim zum URBACT-Netzwerk „Cities for Sustainability Governance”
- Video-Statements der Netzwerkpartner zur europäischen Zusammenarbeit (auf Englisch)
München setzt sich für die Gesundheit von Menschen, Tieren und Umwelt ein
Die gemeinsame Vision des Netzwerks „One Health 4 Cities“ versteht menschliche Gesundheit als eng mit dem städtischen Umfeld verbunden. Themen wie öffentliche Gesundheit, Natur, Klima und Stadtentwicklung werden dabei nicht isoliert betrachtet, sondern als miteinander verknüpfte Bereiche. Denn das Wohlbefinden der Menschen hängt maßgeblich davon ab, wie gesund die Umwelt sowie die Tier- und Pflanzenwelt sind.
Vor diesem Hintergrund hat sich die Stadt München der Herausforderung gestellt, den One-Health-Ansatz in ihren städtischen Strategien weiterzuentwickeln und praktisch umzusetzen. Ein zentrales Ergebnis des Netzwerks ist die Entwicklung einer One-Health-Toolbox. Sie bietet Methoden und praktische Werkzeuge, mit denen Entscheidungsträger:innen und operative Teams die positiven Effekte städtischer Projekte auf das Wohlbefinden von Mensch, Umwelt und urbanem Lebensraum systematischer erfassen und stärken können.
Gleichzeitig müssen Verwaltungsstrukturen und Arbeitsweisen angepasst werden, damit ein solcher Ansatz erfolgreich umgesetzt werden kann. Dazu gehören unter anderem die Weiterentwicklung von Planungs- und Entscheidungsprozessen, die Sensibilisierung der Bevölkerung, die Einbindung lokaler Akteur:innen sowie die Entwicklung von Methoden für Monitoring, Bewertung und Umsetzung.
Netzwerk fördert neue Formen der kommunalen Zusammenarbeit
Der One-Health-Ansatz und seine praktische Umsetzung sind für viele Stadtverwaltungen noch Neuland. Entsprechend erfordert er neue Formen der Zusammenarbeit und neue Wege der Umsetzung. Im Netzwerk spielte die intersektorale Zusammenarbeit eine zentrale Rolle. Denn One Health betrifft nicht nur den Gesundheitsbereich, sondern auch Themen wie Freiraumplanung, Schulprogramme, aktives Altern oder weitere kommunale Handlungsfelder.
Der experimentelle Ansatz von URBACT förderte kreatives Problemlösen, das Ausprobieren neuer Strukturen und den Austausch zwischen unterschiedlichen Akteur:innen. Dadurch konnten neue Perspektiven entwickelt und innovative Lösungsansätze erprobt werden.
Aktuelle Entwicklungen vor Ort
Mit dem Stadtratsbeschluss zur Fachleitlinie Gesundheit im März 2026 wurde der One-Health-Ansatz in München als erstes und zentrales Handlungsfeld der kommunalen Gesundheitspolitik verankert. Aktuell erarbeitet die Stadt Indikatoren zur Erfolgsmessung sowie eine konkrete Umsetzungsplanung. Ab 2027 soll die Umsetzung mit klar definierten Zuständigkeiten und Meilensteinen starten.
Darüber hinaus hat das Netzwerk ein Guidebook entwickelt. Es enthält 15 Fallstudien aus dem städtischen Kontext, 142 One-Health-Tipps sowie 19 praktische Werkzeuge zur Umsetzung von Strategien, politischen Maßnahmen und Projekten.
„Der Integrierte Aktionsplan ist nicht in der Schublade gelandet — er liegt als Stadtratsbeschluss als Teil der Fachleitlinie Gesundheit vor. Das wäre ohne URBACT so nicht passiert.”
Antje Kohlrusch, Gesundheitsplanung Strategie und Grundsatz, Gesundheitsreferat der Landeshauptstadt München, Projekt-Koordinatorin One Health 4 Cities München
Mehr Informationen zum URBACT-Netzwerk „One-Health-4-Cities“ in München:
- Integriertes Handlungskonzept von München auf der Netzwerk-Website
- “Essential Guidebook” von OneHealth4Cities (auf Englisch)
- Artikel zum Netzwerk-Treffen in Straßburg, Frankreich, Mai 2025
Artikel zum transnationalen Treffen in Lahti, Finnland, Februar 2024
Leipzig gestaltet einen Ort mit „unbequemer“ Geschichte neu
In der Leipziger Innenstadt befindet sich ein Ort von großer historischer Bedeutung: der Matthäikirchhof. Nach der Zerstörung der Matthäikirche im Jahr 1945 wurde das Areal durch DDR-Bauten und die Nutzung durch die Staatssicherheit der DDR geprägt. Zwar kamen seit 1990 neue Nutzungen hinzu, doch große Teile des Geländes liegen bis heute brach.
Mit einem Beschluss des Stadtrats im Jahr 2017 wurde der Weg für eine zukunftsweisende Entwicklung des Gebiets geebnet. Gleichzeitig entschied der Bund, einen Neubau auf dem Areal zu fördern. Daraus entstand die Idee eines „Forums für Freiheit und Bürgerrechte“, unterstützt durch das Bundesprogramm Nationale Projekte des Städtebaus. Ein städtebaulicher Wettbewerb wurde ausgelobt und legte die Grundlage für die weitere Entwicklung.
Die Stadt Leipzig nutzte die Teilnahme am URBACT ARCH:ETHICS-Netzwerk, um sich vertieft mit dem Thema des „unbequemen Erbes“ auseinanderzusetzen, also mit Orten, die von autoritären Systemen geprägt wurden oder aufgrund ihrer Vergangenheit von der Gesellschaft mit negativen, traumatischen oder umstrittenen Erinnerungen belastet wahrgenommen werden. Dafür will die Stadt lokale Akteur:innen stärker einbinden und gemeinsam mit anderen europäischen Städten nach Wegen zu suchen, historisch geprägte Orte in lebendige Räume der Zukunft zu verwandeln.
URBACT Local Group erweitert Perspektiven für das Projekt
Die lokale Unterstützungsgruppe des URBACT-Netzwerks in Leipziger (URBACT Local Group, ULG) brachte Vertreter:innen aus Verwaltung, Politik, Zivilgesellschaft, Wissenschaft und Kultur zusammen, um die gemeinwohlorientierte Zukunft des Matthäikirchhofs weiterzuentwickeln. Damit knüpfte sie an einen intensiven Beteiligungsprozess an, der bereits 2021 mit einer umfassenden öffentlichen Beteiligung begonnen hatte.
Auf Grundlage des städtebaulichen Siegerentwurfs standen insbesondere die Themen Zwischennutzungen und die zukünftige Entwicklung des sogenannten Stasi-Riegels im Mittelpunkt. Für die Freiflächen des Matthäikirchhofs wurden Ideen erarbeitet, wie diese bereits vor der endgültigen Bebauung für Veranstaltungen, kulturelle Projekte oder temporäre Angebote genutzt werden können. Gleichzeitig diskutierte die Gruppe, wie ein ehemaliges Gebäude der Staatssicherheit zu einem lebendigen Ort für Begegnung, Kultur und Gemeinschaft werden kann. Dabei ging es auch um die Frage, wie zukünftige Nutzer:innen ausgewählt und die verfügbaren Flächen vergeben werden könnten. Durch den Austausch unterschiedlicher Perspektiven entstanden konkrete Vorschläge für eine offene, vielfältige und gemeinwohlorientierte Nutzung des Areals.
Erste Schritte in die Öffentlichkeit
Im Dezember 2025 beschloss der Leipziger Stadtrat ein umfassendes Entwicklungskonzept für den Matthäikirchhof. Das im Rahmen des URBACT-Projekts erarbeitete Integrierte Handlungskonzept befasst sich insbesondere mit der Etablierung von Zwischennutzungen auf den Freiflächen des Areals. Die von der URBACT Local Group entwickelten Vorschläge wurden dabei direkt in das Entwicklungskonzept aufgenommen.
Derzeit wird auf Grundlage des Integrierten Handlungskonzepts sowie der Ergebnisse der URBACT Local Group ein Auftaktfestival vorbereitet. Dieses soll im September 2026 auf dem Matthäikirchhof stattfinden und den Ort erstmals einer breiten Öffentlichkeit als Raum für Begegnung, Austausch und für kulturelle Aktivitäten erlebbar machen.
„Die europäischen Netzwerktreffen haben uns gezeigt, dass jede Kommune Erfahrungen und Ideen einbringt, die wertvolle Impulse für die eigene Arbeit liefern können. Besonders die Besuche vor Ort haben dabei Perspektiven eröffnet, die auf anderem Wege kaum möglich gewesen wären. Zugleich konnten wir den Beteiligungsprozess für die Quartiersentwicklung am Matthäikirchhof im Rahmen der URBACT Local Group weiterentwickeln und durch das Integrierte Handlungskonzept gemeinsam konkrete Ergebnisse erarbeiten.“
- Stephan Seiler, Stadtplanungsamt Leipzig
Mehr Informationen zum URBACT-Netzwerk „Arch:Ethics“ in Leipzig:
- Integriertes Handlungskonzept auf der Netwerk-Webseite
- Netzwerk-Endprodukt von Arch:ethics (Auf Englisch)
- Handbuch mit Reflexionen, Methoden und Werkzeugen
Artikel zum Treffen der Leipziger URBACT-Local-Group
Ausblick
Die drei Städte starteten jeweils mit einer konkreten Idee oder einem thematischen Schwerpunkt in ihre URBACT-Netzwerke. Im Verlauf des Austauschs profitierten sie jedoch von der gesamten URBACT-Methode: Fachliche Expert:innen begleiteten die Prozesse, der Austausch mit Städten aus ganz Europa eröffnete neue Perspektiven, und über die lokale Unterstützungsgruppe (URBACT Local Group) wurden Akteur:innen vor Ort und ihre Expertise systematisch eingebunden. So konnten lokale Kompetenzen gestärkt und die unterschiedlichen Sichtweisen von Verwaltung, Politik, Wissenschaft, Wirtschaft und Zivilgesellschaft zusammengeführt werden. Gerade dieses Aufbrechen von Silos, das Lernen voneinander und die Offenheit, neue Ansätze auszuprobieren und aus Fehlern zu lernen, erwiesen sich als wichtige Erfolgsfaktoren der Netzwerkarbeit.
Am Ende des Prozesses nahmen Mannheim, Leipzig und München daher weit mehr als neue Erfahrungen mit. Sie entwickelten Integrierte Handlungskonzepte, die konkrete Maßnahmen und nächste Schritte für die Themen festlegen, die bereits auf der städtischen Agenda standen. Aus ersten Ideen wurden damit strategische Konzepte, die den Weg für die weitere Umsetzung vor Ort aufzeigen.
Artikel von Maximiliano Meneses Schulz