Gemeinsam Städte gestalten: Sieben URBACT-Good-Practices, die durch kollaborative Planung die Stadt neu denken

Edited on 13/10/2026

Badia del Vallès mass housing estate in Barcelona (ES)

In Städten in ganz Europa arbeiten Stadtverwaltungen an einer Stadtplanung, die auf die lokalen Bedarfe eingeht – sei es durch Programme für bezahlbaren Wohnraum oder durch grüne Stadterneuerung.

Durch Beratungen, Beteiligungsplattformen und Treffen mit Interessengruppen holen Entscheidungstragende und Stadtplanende Perspektiven, Fachwissen und Innovationen aus der Bevölkerung ein, um ihre Städte gemeinsam weiterzuentwickeln. Jedoch ist die Entwicklung integrierter, kollaborativer Lösungen nicht immer einfach.

Dieser Artikel zeigt, wie sieben Städte integrierte und kooperative Ansätze entwickeln, um komplexe urbane Herausforderungen ganzheitlich zu bewältigen.  Die vorgestellten Städte sind sieben von insgesamt 116 Städten, die 2024 als URBACT Good Practice ausgezeichnet wurden. Ihre Ergebnisse spiegeln die Grundprinzipien der URBACT-Methode wider, die auf Integration, Partizipation und gegenseitigem Lernen basiert.

Die Beispiele zeigen, wie durch das strategische Zusammenwirken mehrerer Ebenen der Politik und Verwaltung, der sogenannten Multi-Level-Governance, und durch die gemeinsame Entwicklung von Lösungen, gemeinschaftliches lokales Handeln neu gedacht werden kann.

Geteilte Visionen: Einbindung verschiedener Interessengruppen in die strategische Planung

Strategische Planung nachhaltiger Entwicklung kann mit vielen Hürden verbunden sein, von unklaren Prioritäten und fragmentierten Verwaltungsstrukturen bis hin zu geringem Vertrauen in der Bevölkerung. Wie kann lokale Governance neu gedacht werden, um die Zusammenarbeit über verschiedene Sektoren und Verwaltungsebenen hinweg zu fördern?

#1 – Tallinn, Estland

Tallinns Nachhaltigkeits-Governance-Modell zielt darauf ab, die Umsetzung einer nachhaltigen Stadtentwicklung zu verbessern, Konsens zu schaffen und politische Maßnahmen, Partnerschaften, Kompetenzen und Werte zu entwickeln. Das Modell steht im Einklang mit der Strategie „Tallinn 2035“ und verfolgt den Anspruch, die Ziele für nachhaltige Entwicklung (Sustainable Development Goals, SDG) der Vereinten Nationen auf lokaler Ebene umzusetzen.

Tallinns Nachhaltigkeits-Governance-Modell beruht auf drei Säulen: strategische Planung, Organisationsentwicklung und Multi-Level-Governance. Jede dieser Säulen umfasst Akteur:innen aus Regierung, Organisationen, Wirtschaft, Zivilgesellschaft und Bewohnende.

Tallinn hat seit der Einführung des Modells mit allen städtischen Verwaltungsbereichen zusammengearbeitet, einschließlich Personalwesen und Kommunikation, um die nachhaltige Governance zu stärken und kontinuierlich weiterzuentwickeln. Zu den umgesetzten Maßnahmen gehören die Erprobung und Einführung von Beteiligungsformaten wie einem Bürger:innenhaushalt mit einer Million Euro pro Durchgang für von Einwohnenden initiierte Projekte, eine Bürger:innenversammlung mit 60 Teilnehmenden sowie ein physisches Beteiligungszentrum.

#2 – Leskovac, Serbien

Leskovac hat in den Jahren 2022-2023 einen sektorübergreifenden Ansatz verfolgt, um erstmals eine Strategie für nachhaltige Stadtentwicklung zu entwickeln. 

Die Strategie wurde mit technischer Unterstützung eines EU-finanzierten Programms zur lokalen Entwicklung erarbeitet, mit dem Ziel, Innovation, Transparenz und öffentliches Vertrauen zu stärken. Zu den zentralen Schritten gehören:

  • die Einrichtung eines Strategierats, einer Arbeitsgruppe und einer Projektkoordinierungseinheit;

  • die Durchführung eines öffentlichen Forums sowie thematischer runder Tische mit relevanten Interessengruppen;

  • die Festlegung prioritärer Handlungsfelder, von Innovations- und Wirtschaftsstandorten über Stadterneuerung bis hin zu grüner Infrastruktur und nachhaltiger Mobilität;

  • die Entwicklung eines Rahmens für Monitoring und Evaluierung.

Von Beginn an wurden Bürger:innen sowie verschiedene Interessengruppen aus dem Privatsektor und der Wissenschaft aktiv in öffentliche Diskussionen zu städtischen Herausforderungen und möglichen Lösungen eingebunden. Dieser sektorübergreifende Ansatz hat dazu beigetragen, die traditionelle, stark nach Fachbereichen beziehungsweise Verwaltungsabteilungen getrennte Arbeitsweise aufzubrechen.

Der neue kooperative Ansatz führt zu sichtbaren Veränderungen – von einer klaren Verbindung zwischen Planung, Finanzierung und Umsetzung bis hin zu einem veränderten Verständnis von mehrstufiger und sektorübergreifender Beteiligung in der lokalen Governance.

links: Sustainability Governance Model in Tallinn, Estland. rechts: Leskovac, Serbien. 
 
#3 – Rimini, Italien 

„Romagna Next: Strategischer Plan für den Großraum Romagna“ ist Italiens erstes nationales Pilotprojekt einer strategischen Planung über verschiedene Provinzen hinweg. Der Plan sieht flexible Governance-Strukturen vor, die einen intensiveren Dialog zwischen lokalen Behörden ermöglichen, um komplexe ökologische, soziale und wirtschaftliche Herausforderungen zu bewältigen. Dieses sogenannte „weiche Governance-Modell“ hat öffentliche und private Akteur:innen, kleine und mittlere Behörden, Bewohnende sowie Studierende in einem Gebiet von über 5000 Quadratkilometern und mehr als einer Million Einwohnende eingebunden. Romagna Next entfaltet seit Beginn eine transformative Wirkung, indem es komplexe ökologische, soziale und wirtschaftliche Herausforderungen durch vielfältige Zusammenarbeit angeht. Eine Kombination aus Analyse, Visionsentwicklung, kollaborativen Designprozessen, Kommunikation und Bürger:innenbeteiligung hat zur Bildung einer „Romagna Community of Practice“ beigetragen.

Der Ko-Design-Prozess bezog über 300 Teilnehmende ein, darunter Fachpersonal aus der Kommunalverwaltung sowie weitere Interessengruppen, die in Arbeitsgruppen zu den Themen Tourismus, Umwelt, Energie, Gesundheit, soziale Inklusion, Mobilität, Wasser, Digitalisierung, Sicherheit, Agrarwirtschaft sowie Ausbildung und Beschäftigung zusammenarbeiteten. Im Rahmen verschiedener partizipativer Aktivitäten besuchte die mobile Initiative „Romagna Next in Tour“ 18 Gemeinden, um die Erwartungen von mehr als 1400 Bewohnenden hinsichtlich ihrer mittel- bis langfristigen Prioritäten für die Region zu erfassen.

Obwohl von Rimini geleitet, umfasst dieses Vorgehen die Zusammenarbeit mit drei weiteren Städten in der Region Romagna.

#4 – Lublin, Polen

Der wegweisende Ansatz von Lublin nutzte mehrere partizipative Methoden, um die Stadtgesellschaft in die Entwicklung der Strategie „Lublin 2030“ einzubeziehen. Bewohnende, Nichtregierungsorganisationen, Unternehmer:innen sowie Wissenschaftler:innen trugen dazu bei, diese Vision für die Zukunft der Stadt zu gestalten. Die Beteiligten wurden später auch als Mitautor:innen der Strategie anerkannt.

Wie wurde dieser Ansatz umgesetzt? Ab 2018 startete die Stadt einen einmonatigen Konsultationsprozess, an dem nahezu 100 Expert:innen sowie Tausende Einwohnende und Nutzende der Stadt teilnahmen. Mehr als 12.000 Menschen beteiligten sich an 77 Veranstaltungen, darunter Diskussionen, Workshops und Mitmachformate. Ihre Ideen und Einschätzungen wurden gesammelt und anschließend von 120 zufällig ausgewählten Einwohner:innen sowie Fachleuten ausgewertet. Die Ergebnisse bildeten die Grundlage für die Strategie „Lublin 2030“.

Darüber hinaus wurde eine „Akademie für strategisches Management“ eingerichtet, um Erfahrungen im partizipativen Management mit anderen lokalen Behörden zu teilen und so eine inklusive, transparente und resiliente Stadtplanung zu fördern.

links: Romagna Next: Strategischer Plan für die den Großraum Romagna in Rimini (IT). rechts: Strategie 2030 in Lublin (PL)
 
Zentrale Erkenntnisse für Ihre Stadt

Eine wichtige Lehre für politische Entscheidungstragende sowie Stadtplanende ist, dass wirksame und nachhaltige Stadtstrategien auf einer engen Zusammenarbeit zwischen kommunalen Fachabteilungen, benachbarten Behörden, Interessengruppen und der Bevölkerung beruhen. Diese Zusammenarbeit kann gestärkt werden, indem Governance gezielt als strategische Priorität verankert wird.

Dynamische Ko-Kreation: partizipative Planung für urbane Transformation

Selbst für Städte mit einer klar definierten Zukunftsvision gilt: Wenn es um die konkrete Planung zur Verbesserung der Flächennutzung und der Lebensqualität in Stadtquartieren geht, ist Ko-Kreation entscheidend. In den folgenden Städten arbeiten lokale Akteur:innen sowie Einwohnende gemeinsam daran, verbesserte Lösungen für Wohnraum, soziale Unterstützung und Flächenmanagement zu testen, zu gestalten und umzusetzen.

#5 – Barcelona, Spanien

Gemeinsam mit kommunalen und stadtregionalen Vertreter:innen haben Bewohnende die Großwohnsiedlung Badia del Vallès bewertet und ein integriertes Handlungskonzept erarbeitet. Der Prozess wurde durch das URBACT-Aktionsplanungsnetzwerk „sub>urban“ (2015–2018) unterstützt, an dem auch die Stadt Düsseldorf teilnahm.

Nach der Identifizierung demografischer und infrastruktureller Herausforderungen – von räumlicher Isolation bis hin zu monofunktionalen Gebäuden – definierte die lokale Unterstützungsgruppe (URBACT Local Group) strategische Ziele für eine stärker vernetzte, gesündere und inklusivere Stadt.

Auf Grundlage dieser Analyse entwickelte die Stadt einen Maßnahmenkatalog, darunter:

  • die Verbesserung des öffentlichen Verkehrs, der Zugänglichkeit und der Vernetzung über verschiedene Kommunen hinweg;
  • die Einführung einer Straßenhierarchie zur besseren Orientierung und zur Reduzierung der privaten Auto-Nutzung im öffentlichen Raum;

  • die Verknüpfung bebauter und ungenutzter Flächen zur Schaffung flexibler öffentlicher Räume;

  • die Sichtbarmachung von kulturellem und natürlichem Erbe sowie sozialen Ressourcen;

  • die Diversifizierung und Intensivierung der Gebäudenutzung und -dichte sowie die Auflockerung von Fassaden und die Verbesserung der Sicherheit.

Der partizipative Prozess floss in den neuen Stadtentwicklungsplan der Metropolregion Barcelona ein und hat zudem Stadtentwicklungsprojekte an verschiedenen Universitäten inspiriert (z. B. Barcelona Tech University (UPC), University of Illinois Urbana-Champaign).

#6 – Lyon, Frankreich

Lyons Engagement für sektorübergreifende Governance führte zur Initiative „Etape 22D“ – einem Experimentierfeld für temporäre Stadtplanung, Zusammenarbeit und soziale Innovation. Dieses Projekt wurde auf fünf Hektar ungenutzter städtischer Brachfläche umgesetzt, die schnell für eine vorübergehende öffentliche Nutzung aktiviert wurde. Möglich wurde dies durch die Zusammenarbeit von Akteur:innen aus Wirtschaft, Notunterbringung, sozialer Unterstützung, Bildung und der lokalen Verwaltung der Stadt Villeurbanne.

Zu den ersten Ergebnissen gehört die Schaffung zentraler Dienstleistungen: Notunterkünfte unterstützten 80 Bewohnende, insbesondere junge Erwachsene aus der Jugendhilfe sowie alleinerziehende Mütter. Darüber hinaus förderten bezahlbare Werkstätten, Büros und Lagerräume den Austausch von Ressourcen und Kompetenzen zwischen rund 90 Unternehmen. Auch die Nachbarschaft profitierte von neuen Freiflächen, auf denen gemeinschaftliche Veranstaltungen organisiert werden können.

Diese temporären Maßnahmen sollen langfristige Stadterneuerungsprozesse anstoßen.

#7 – Villach, Österreich

Das Integrierte Stadtentwicklungskonzept (ISEK) ist ein Modell für partizipative Stadtentwicklung, das Bewohnende, Institutionen, städtische Fachabteilungen, Eigentümer:innen, Nachbarschaften, Beschäftigte und Expert:innen einbezieht. Ziel dieses Ansatzes war es, das Nikolai-Quartier – ein lebendiges Stadtviertel im Zentrum von Villach – zu einem Gesundheits- und Bildungsstandort zu entwickeln und zugleich gemeinschaftsgetragene Planungsprozesse zu fördern.

In Zusammenarbeit mit über 700 Teilnehmenden wurden Ziele, Handlungsfelder und Projekte für die zukünftige Stadtentwicklung definiert. Der Fokus lag dabei auf innerstädtischer Nachverdichtung und der Reduzierung des Flächenverbrauchs. Soziologische, technische und planerische Expertise wurde mit dem Wissen und den Bedürfnissen der beteiligten Akteur:innen verknüpft.

Der Prozess umfasst drei zentrale Schritte: (1) Die Analyse des Gebiets und die Festlegung von Zielen; (2) die Entwicklung eines Rahmenplans auf Basis partizipativer Rückmeldungen und Qualitätsstandards; (3) die Einrichtung einer interdisziplinären Steuerungsgruppe sowie die Einbindung der Bevölkerung durch Umfragen und Workshops.

Durch die Einbeziehung unterschiedlicher Perspektiven entstand ein umfassenderes Verständnis der lokalen Herausforderungen und Potenziale.

links: Badia del Vallès Großwohnsiedlung in Barcelona (ES). Mitte: Etape 22D in Lyon (FR). rechts: ISEK in Villach (AT). 
 
Zentrale Erkenntnisse für Ihre Stadt

Diese partizipativen Planungsansätze bieten Städten in Europa jeder Größe wertvolle Erkenntnisse. Erstens sollten flexible Ansätze genutzt werden, die kurz- und langfristige Lösungen miteinander verbinden. Zweitens gilt es, wie das Beispiel aus Lyon zeigt, bezahlbare Arbeitsräume bereitzustellen, um Arbeitsplätze zu schaffen und leerstehende Gebäude oder ungenutzte Flächen wiederzubeleben. Drittens ist Transparenz in Bezug auf mehrstufige Regelungen und Fördermittel entscheidend. Und nicht zuletzt sollte – wie im Fall von Barcelona – Wissen aktiv weitergegeben werden.

Zusammenarbeit: das Erfolgsgeheimnis nachhaltiger Städte

Diese sieben Praxisbeispiele zeigen kollaborative Planung in vielfältigen Formen – von über mehrere Ebenen hinweg verlaufende Governance und sektorübergreifenden Partnerschaften bis hin zu partizipativem Ko-Design und gemeinschaftsgetragenen Initiativen. Sie alle liefern Inspiration für europäische Städte, um Resilienz, Innovation, soziale Inklusion und Nachhaltigkeit zu fördern.

Auf der Suche nach weiteren urbanen Lösungen? Durchstöbern Sie die stetig wachsende Datenbank der URBACT-Good-Practices mit erprobten Ansätzen für eine nachhaltige Stadtentwicklung.

Möchten Sie mehr über den URBACT-Ansatz zur Entwicklung integrierter Maßnahmenpläne für lokale Stadtlösungen erfahren? Lesen Sie diesen Artikel mit Erkenntnissen aus der letzten Runde der „URBACT-Action-Planning-Networks“ (2023–2025).

Dieser Artikel basiert auf dem aus dem Englischen übersetzen Artikel „Shaping cities together: seven URBACT Good Practices reimagining the city through collaborative planning“ des URBACT-Sekretariats. 

Submitted by on 13/10/2026
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Lilian Krischer

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