Klimaschutz strategisch in kommunale Konzepte einbetten: Interview mit Barbara Bühler-Karpati, Landeshauptstadt München

Barbara Bühler-Karpati

Barbara Bühler-Karpati © Landeshauptstadt München

Die Schwerpunkte des neuen URBACT-IV-Programms sind die Themen Klima, Gendergerechtigkeit und Digitales. Was verbirgt sich hinter diesen Schlagworten und wie können Kommunen diese Bereiche im Rahmen von URBACT-Netzwerken angehen? Über das Thema des Klimaschutzes und der Klimaanpassung sprachen wir mit Barbara Bühler-Karpati. Sie ist stellvertretende Leiterin des Fachbereichs Europa und Internationales im Referat für Arbeit und Wirtschaft der Landeshauptstadt München und wirkte mit München am URBACT-Netzwerk „URGE – Circular Building Cities“ mit. In dem dreijährigen Netzwerk beschäftigten sich bis September 2022 neun europäische Städte damit, wie die Kreislaufwirtschaft in den Bausektor integriert werden und somit zu einer nachhaltigen Stadtentwicklung beitragen kann.

Welche Maßnahmen setzt die Landeshauptstadt München um, um den Klimaschutz voranzutreiben?

Der Stadtrat setzte Ende 2019 das ambitionierte Ziel, bis 2035 eine klimaneutrale Stadt zu werden. Bis 2030 bereits sollen Teile der Stadt und die Stadtverwaltung klimaneutral sein. Wir im Fachbereich Europa und Internationales unterstützen diese Zielvorgabe durch die Teilnahme an europäischen und internationalen Projekten und Netzwerken. Beispielsweise war München von 2019 bis 2022 Partnerstadt im URBACT-Netzwerk „URGE – Circular Building Cities“ und wurde in diesem Jahr in die EU-Mission „100 klimaneutrale und smarte Städte“ aufgenommen. Außerdem wurden wir als Pilotstadt im Rahmen der „Circular Cities and Regions Initiative“ der Europäischen Kommission ausgewählt.

Vor welchen Herausforderungen steht die Landeshauptstadt München in Bezug auf den Klimaschutz?

Es geht zum einen um Klimaschutz, also um die Verringerung des Ausstoßes von klimaschädlichen Treibhausgasen, zum anderen geht es aber auch um die Klimaanpassung in unserer Stadt, also darum, wie München künftig besser mit den veränderten klimatischen Bedingungen zurechtkommt, beispielsweise mit längeren Trockenphasen, Hitzeperioden oder Extremwetterereignissen. Der Fachbereich Europa und Internationales hat insbesondere die drei übergeordneten Bereiche Mobilität, Energieversorgung sowie Bauen und Sanieren im Blick. Zu diesen Themenfeldern koordinieren wir die Akquise von europäischen Fördermitteln und treten in den internationalen Austausch mit Fachexpert:innen, um innovative Ideen und Herangehensweisen zu diskutieren. Meist steht hierbei ein bestimmtes Münchner Stadtquartier im Fokus.

Bei dem URBACT-Projekt URGE geht es um die Kreislaufwirtschaft im Baubereich. Welche Rolle spielt dieses Thema für den Klimaschutz?

Eine funktionierende Kreislaufwirtschaft im Bausektor und das Recycling von Baustoffen spielen eine entscheidende Rolle für den Klimaschutz. Das lässt sich sehr gut an unserem URGE Modellareal Bayernkaserne im Münchner Norden verdeutlichen. Bis 2030 soll hier auf einer Fläche von 50 Hektar ein neues Wohnquartier mit ca. 5500 Wohnungen entstehen. Durch die Baufeldfreimachung und den Abbruch der alten Kasernengebäude fallen insgesamt 1,2 Millionen Tonnen Bauschutt an. Das innovative Recyclingkonzept für diese Baumaßnahme sieht die Aufbereitung der Abbruchmaterialien vor Ort und ihre Wiederverwendung in Recyclingbeton, Schüttmaterial oder Substraten vor. Dadurch können die LKW-Fahrten aus und in die Bayernkaserne um insgesamt 3,3 Millionen Kilometer verringert werden, das ist 82-mal rund um die Erde. Eine enorme CO2-Einsparung also.

Was waren die wichtigsten Ergebnisse des Projektes URGE und was ist davon übertragbar?

In München konnten wir innerhalb der dreijährigen Projektlaufzeit von URGE einen Aktionsplan („Integrated Action Plan (IAP)“) zum zirkulären Bauen erarbeiten. Dieser zeigt auf, welche konkreten Maßnahmen erforderlich sind, um in unserer Stadt eine funktionierende Kreislaufwirtschaft im Bausektor auf den Weg zu bringen. Das Expert:innenwissen unserer „URBACT Local Group (ULG)“, die Erfahrungen aus dem Modellprojekt Bayernkaserne aber auch der internationale Austausch und Wissenstransfer mit den anderen acht URGE-Städten haben hierfür entscheidende Impulse geliefert. Übertragbar und interessant für andere Städte sind mit Sicherheit die beschriebenen Maßnahmen zu folgenden drei Schwerpunkten: Das ist zum einen der Ausbau der (IT-basierten) Infrastruktur, z. B. die Einrichtung eines innerstädtischen Aufbereitungsstandortes oder auch einer Materialdatenbank. Des Weiteren gilt es, die politischen und rechtlichen Rahmenbedingungen zugunsten der Prinzipien der Kreislaufwirtschaft zu verbessern, z. B. bei der Vergabe oder bei den Einsatzmöglichkeiten von Recycling-Beton. Und drittens ist auch das Thema Kommunikation sehr wichtig, wie etwa Fortbildungen zum Einsatz von Recyclingmaterialien. Der Münchner URGE-Aktionsplan wurde im Mai 2022 von unserem Stadtrat beschlossen – ein wichtiger Meilenstein auf unserem Weg hin zur klimaneutralen Stadt.

Wie ist die Stadt München bei dem facettenreichen Thema „Kilmaschutz“ konkret geworden? Was würdest du Städten, die im Bereich Kilmaschutz aktiv werden wollen, empfehlen

Der Klimaschutz und auch die Klimaanpassung sind Themen, die eine sektorenübergreifende Herangehensweise erfordern. Ich halte es für entscheidend, dass verschiedene Fachreferate einer Stadtverwaltung zusammenarbeiten, was gerade bei großen Städten viel Abstimmung und Motivation erfordern kann. In München haben wir gemerkt, wie wertvoll es ist, auch die städtischen Tochterunternehmen wie Stadtwerke, Wohnbaugesellschaften und Abfallwirtschaftsbetriebe einzubinden. Genauso fruchtbar ist die Zusammenarbeit mit Wissenschaft und Hochschulen. Diese Akteure sind mittlerweile in fast allen neuen EU-Projekten involviert. Last but not least sind es auch die zivilgesellschaftlichen Initiativen, die eine Stadtgesellschaft wirklich verändern können. Auch mit diesen Gruppen und mit Bürger:innen arbeiten wir immer enger und besser koordiniert zusammen.

Warum ist URBACT gut geeignet, um in einer Stadt den Klimaschutz zu befördern?

Die URBACT-Methodik befördert genau diese integrierte Herangehensweise. Jede an einem Aktionsplanungsnetzwerk teilnehmende Stadt ist aufgefordert, eine lokale Expert:innengruppe (URBACT Local Group, ULG) ins Leben zu rufen. Sie begleitet die Umsetzung der innovativen Projektideen auf lokaler Ebene und aus unterschiedlichen Blickwinkeln über die gesamte Projektlaufzeit hinweg. Aber sie bringt ihr Expert:innenwissen auch in den transnationalen Austausch ein und die Mitglieder profitieren davon. Obwohl das Projekt URGE seit August 2022 abgeschlossen ist, trifft sich die Münchner URBACT Local Group nach wie vor. Das zeigt, wie gut der URBACT-Ansatz für uns funktioniert