Der Wandel zu einer klimafreundlichen Wirtschaft ist eine der großen Aufgaben unserer Zeit. In ganz Europa stehen Städte unter Druck, grüner, gerechter und widerstandsfähiger zu werden – im Einklang mit den Zielen der EU zur Klimaneutralität, der Agenda für die Kreislaufwirtschaft und den Maßnahmen zur Anpassung an den Klimawandel. Innerhalb dieses politischen Rahmens wird von Städten erwartet, dass sie Emissionen reduzieren, die Natur wiederherstellen, die lokale Wirtschaft fördern, Arbeitsplätze schaffen, Ressourcen wiederverwenden und die Lebensqualität verbessern. Eine klimafreundliche Stadtpolitik bietet eine vielversprechende Antwort auf diese Herausforderungen.
Die Ökologisierung der Stadtwirtschaft kann viele verschiedene Formen annehmen. Ein ehemaliges Industrieareal, das in einen öffentlichen Park umgewandelt wird, kann neue öffentliche Räume schaffen und beleben. Ein Nachbarschaftsgarten kann Klimaschutz näher zu den Bewohner:innen bringen. Eine kleine Industriestadt kann ihre Arbeitskräfte auf grüne Arbeitsplätze vorbereiten und dabei die Kommunen anregen, abteilungsübergreifend zusammenzuarbeiten und Vertrauen bei den Bürger:innenn aufzubauen. Für viele Städte, insbesondere kleine und mittlere Städte, lautet bei der Vielzahl an Möglichkeiten die wichtigste Frage: Wie und wo soll man anfangen?
Die Erfahrungen der fünf URBACT-Aktionsplanungsnetzwerke GreenPlace, In4Green, COPE, LET’S GO CIRCULAR! und EcoCore zeigen, dass die Ökologisierung der Stadtwirtschaft – die Green Urban Economy – für Städte kein fernes politisches Konzept ist. Sie ist praxisnah und findet in Straßen, Stadtvierteln, Industriegebieten, Schulen, Parks, Unternehmen und lokalen Partnerschaften statt.
Ökologisierung der Stadtwirtschaft für Menschen und Orte
Die Ökologisierung der Stadtwirtschaft verbindet Umweltmaßnahmen mit sozialem Mehrwert und lokalen wirtschaftlichen Chancen. Dieser Prozess hilft Städten dabei, die bestehenden Herausforderungen auf ganzheitliche Weise zu bewältigen.
Zwischen 2023 und 2025 beschäftigten sich fünf URBACT-Aktionsplanungsnetzwerke auf unterschiedliche Weise mit der Ökologisierung der Stadtwirtschaft: LET’S GO CIRCULAR! startete mit der Kreislaufwirtschaft, GreenPlace mit vergessenen städtischen Räumen. In4Green setzte bei der industriellen Transformation an. COPE konzentrierte sich auf eine bürger:innenorientierte Klimapolitik. EcoCore begann mit kleinen Städten entlang von Verkehrskorridoren. Doch alle kamen zu demselben Ergebnis: Bei einer grünen Stadtwirtschaft geht es nicht nur darum, was Städte bauen, sondern auch darum, wie sie den Wandel gestalten – und vieles mehr.
Gemeinsam stützen sich die Ansätze dieser Netzwerke auf fünf zentrale Säulen: Gesundheit und Wohlbefinden; Gerechtigkeit, Fairness und Gleichberechtigung; Grenzen unseres Planeten; Effizienz und Suffizienz sowie gute Governance.
Ökologisierung der Stadtwirtschaft in der Praxis
Wie die Ökologisierung der Stadtwirtschaft konkret werden kann, zeigen die Erfahrungen der URBACT-Aktionsplanungsnetzwerke besonders eindrucksvoll anhand von greifbaren und konkreten Beispielen.
GREENPLACE: Vergessene Räume neu beleben
Im Rahmen von GreenPlace arbeiteten 10 Partnerstädte mit Orten, die in Vergessenheit geraten waren: leerstehenden Gebäuden, ungenutzten Grünflächen, ehemaligen Industriearealen und brachliegenden Flächen. Die Aufwertung solcher vergessenen Stadträume kann messbare Wirkung erzielen, indem sie in grüne, lebendige und sozial nutzbare Räume verwandelt werden. Auch die sozialen Auswirkungen sind erheblich: Die Revitalisierung dieser Flächen kann den Zugang zu wohnungsnahen Grünflächen verbessern, insbesondere in dicht besiedelten oder unterversorgten Stadtvierteln. Dies steht in direktem Zusammenhang mit dem Richtwert der Weltgesundheitsorganisation, wonach Stadtbewohner:innen innerhalb von 300 Metern von ihrem Wohnort Zugang zu mindestens 0,5 bis 1 Hektar öffentlicher Grünfläche haben sollten.
In Onda (ES), einer Stadt mit weniger als 30.000 Einwohner:innen, wird ein ehemaliges Keramikindustrieareal in eine neue grüne Lunge der Stadt umgewandelt. So sollen die öffentliche Gesundheit, die Umweltqualität und das Gemeinschaftsleben verbessert werden. Als Pilotaktivität wurde ein Nachhaltigkeits-Hackathon organisiert. Dabei wurden junge Menschen in die Entwicklung des Projekts „Grüne Lunge“ einbezogen und für Umwelt- und Nachhaltigkeitsthemen sensibilisiert. Diese Projekte dienen nicht nur der Stadterneuerung, sondern tragen auch zum Wohlbefinden der Menschen und zur Widerstandsfähigkeit der Städte bei.
Für Städte, die vergessene Orte wieder stärker in das öffentliche Leben integrieren möchten, bietet GreenPlace „Inspiring Practice Fiches“ und ein Handbuch. Diese Instrumente unterstützen Städte dabei, leerstehende Gebäude, ungenutzte Grünflächen oder brachliegende Areale durch Begrünung, die Nutzung des kulturellen Erbes und Beteiligung aufzuwerten.
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GreenPlace umfasste die Städte Wrocław (PL - Lead Partner), Nitra (SK), Vila Nova de Poiares (PT), Boulogne-sur-Mer Développement Côte d’Opale (FR), Löbau (DE), Bukarest (RO), Onda (ES), Quarto d’Altino (IT) und Limerick (IE).
COPE: KLIMASCHUTZ MIT DEMOKRATISCHEN WERTEN
Die acht Partnerstädte von COPE stellten ebenfalls die menschliche Dimension des Klimaschutzes in den Mittelpunkt. In Pombal (PT), einer Stadt mit rund 55.000 Einwohner:innen halfen eine vorübergehende Sperre für den Autoverkehr und Befragungen im historischen Zentrum den Bewohner:innen, sich einen attraktiveren und stärker auf Menschen ausgerichteten Stadtraum vorzustellen.
Gerechtigkeit und Chancengleichheit zeigen sich
auch darin, wie Städte Menschen einbeziehen, die häufig nicht ausreichend berücksichtigt werden, etwa benachteiligte Jugendliche, ältere Menschen oder kleine Kinder. In Vilnius brachte ein Aufruf im Rahmen der „Climate Neutral Community“ 21 lokale Gemeinschaften zusammen, die sich für Urban Gardening, das Teilen von Lebensmitteln, Energiesparen und andere Nachhaltigkeitsmaßnahmen interessieren.
Das mag nach kleinen Schritten klingen, aber sie sind wichtig: Sie machen Klimaschutz greifbarer, demokratischer und zu einer gemeinsamen Aufgabe.
Der abschließende Katalog von COPE zeigt, wie Klimapolitik von abstrakten Zielen zu konkreten Maßnahmen vor Ort werden kann, die gemeinsam mit Bewohner:innen, Schulen, lokalen Gemeinschaften und Stadtvierteln entwickelt werden.
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COPE umfasste die Städte Kopenhagen (DK) als Lead Partner, Kavala (EL), Pombal (PT), Bistrița (RO), Saint-Quentin (FR), A Coruña (ES), Korydallos (EL) und Vilnius (LT).
ECOCORE & IN4GREEN: Industriestädte auf dem Weg zur grünen Transformation
Industriestädten kann man nicht einfach vorschreiben, „grüner zu werden“. Sie benötigen Qualifikationen, Investitionen, Unterstützung für Unternehmen und konkrete Wege zur Umsetzung. Die potenziellen Auswirkungen sind messbar: Maßnahmen zur grünen Transformation stehen bereits mit Beschäftigungswachstum in Verbindung. Der Anteil der Beschäftigten im Bereich Umweltgüter und -dienstleistungen an der Gesamtbeschäftigung in der EU stieg zwischen 2010 und 2022 von 2,02 % auf 3,1 %. In Industriestädten kann sich dies in konkreten Maßnahmen niederschlagen, etwa durch Nachhaltigkeitsschulungen für Unternehmen, Programme zum Erwerb grüner Kompetenzen, Gemeinschaften für erneuerbare Energien oder attraktivere Stadtviertel mit grünen Arbeitsplätzen.
In Balbriggan (IE), einer von neun Städten im Netzwerk EcoCore, entwickelten lokale Partner einen Ansatz, um ein konventionelles Industriegebiet am Stadtrand schrittweise zu einem Zentrum für grüne Arbeitsplätze zu entwickeln. Dabei werden nachhaltige Mobilität, Kompetenzen, Kreislaufwirtschaft und eine klimaresiliente Infrastruktur miteinander verknüpft.
In4Green zeigt zudem, dass das industrielle Erbe zu einer Grundlage für Innovation werden kann: In Avilés (ES), einer der zehn Partnerstädte von In4Green, umfasst der Wandel von der Schwerindustrie hin zu einem Zentrum für grüne Innovation unter anderem einen Wissenschafts- und Technologiepark sowie zehn neue Forschungs- und Entwicklungszentren. Dadurch werden industrielle Zusammenarbeit, die Einbindung von KMU und Unterstützung bei der Dekarbonisierung miteinander verbunden. Eine der fortschrittlichsten Pilotmaßnahmen des Netzwerks erreichte mehr als 200 Klein- und Mittelunternehmen mit Analysen ihres CO₂-Fußabdrucks und praxisorientierten Fahrplänen zur Emissionsreduzierung.
Ist Ihre Stadt klein und liegt an einem Verkehrskorridor oder in einem Industriegebiet, verfügt aber nur über begrenzte Kapazitäten? Dann hören Sie in die Podcast-Reihe von EcoCore hinein. Anhand verständlicher Beiträge zu grünen Arbeitsplätzen, Führung, Planungsinstrumenten, Kooperationen und Innovationsökosystemen zeigt die Reihe, dass auch kleine Städte die grüne Transformation vorantreiben können – und dass fachliches Lernen nicht immer in Form eines langen Berichts erfolgen muss.
Ist Ihre Stadt eine Industriestadt, die versucht, ihre Wirtschaft umweltfreundlicher zu gestalten? Dann werfen Sie einen Blick in das In4Green Playbook. Es bündelt verschiedene Ansätze, Beispiele aus Städten, Pilotmaßnahmen, Governance-Ansätze, Indikatoren sowie praktische Hinweise darauf, was vermieden werden sollte. Es kann lokalen Behörden dabei helfen, gemeinsam mit Unternehmen, Bildungseinrichtungen und lokalen Gemeinschaften den industriellen Wandel zu einer gemeinsamen lokalen Aufgabe zu machen.
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EcoCore umfasste die Städte Balbriggan (IE) als Lead Partner, Dubrovnik (HR), Ormož (SI), Alba Iulia (RO), Ķekava County (LV), Santo Tirso (PT), Pärnu (EE), Villena (ES) und Tuusula (FI).
An In4Green waren die Städte Avilés (ES) als Lead Partner, Vila Nova de Famalicão (PT), Dąbrowa Górnicza (PL), Larissa (EL), Salerno (IT), Žďár nad Sázavou (CZ), Sabadell (ES), Solingen (DE), Bijelo Polje (ME) und Navan (IE) beteiligt.
LET’S GO CIRCULAR! DEN KREISLAUF SCHLIESSEN
Die EU strebt an, den Anteil der kreislaufwirtschaftlichen Materialströme bis 2030 auf 22,4 % zu steigern. Die bisherigen Fortschritte sind jedoch begrenzt und uneinheitlich sind. Die zehn Partnerstädte von LET’S GO CIRCULAR! haben die Frage der Ressourcennutzung in die Praxis umgesetzt von der Förderung von Wiederverwertung, Recycling und innovativen Lösungsansätzen auf kommunaler Ebene. Cluj-Napoca (RO) führte beispielsweise vegetarische Gerichte an Schulen ein und förderte damit das Bewusstsein und die Akzeptanz einer vegetarischen Ernährung als umweltfreundliche Praxis. Die Maßnahme soll wöchentlich, jeweils freitags, umgesetzt werden.
Diese Beispiele zeigen, dass eine grüne Stadtwirtschaft auch bedeutet, lokale Systeme neu zu denken, damit Materialien, Räume, Unternehmen und Menschen anders zusammenwirken können.
Sind Sie bereit, die Kreislaufwirtschaft in Ihrer Stadt praktisch umzusetzen? Das Flipbook von LET’S GO CIRCULAR! ist ein leicht verständlicher Leitfaden, der praktische Schritte aufzeigt, wie Ansätze der Kreislaufwirtschaft auf lokaler Ebene verankert werden können.
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LET’S GO CIRCULAR! umfasste die Städte München (DE) als Lead Partner, Riga (LV), Cluj Metropolitan Area (RO), Guimarães (PT), Korfu (EL), Granada (ES), Oulu (FI), Lissabon (PT), Malmö (SE) und Tirana (AL).
Gemeinsam lernen, anders handeln
Der Mehrwert von URBACT liegt nicht nur in den lokalen Maßnahmen. Er liegt vielmehr in dem Lernprozess und der Art und Weise, wie Städte beginnen, anders zu denken und zu arbeiten. Drei Erkenntnisse stechen dabei besonders hervor:
- Die Governance-Kapazitäten bleiben eine große Herausforderung. Die grüne Transformation erfordert eine Zusammenarbeit über Ressort-, Sektor- und Verwaltungsebenen hinweg. Das braucht Zeit, Vertrauen und Koordination.
- Die Beteiligung muss sinnvoll sein. Bürger:innen engagieren sich, wenn sie etwas Konkretes mitgestalten können: einen Garten, eine Straße, einen Bauhof, eine Grünfläche, ein Industriegebiet oder eine kommunale Dienstleistung. Abstrakte Strategien lassen sich schwerer mit dem Alltag in Verbindung bringen.
- Die nächste Herausforderung besteht darin, die Maßnahmen zu finanzieren, politische Unterstützung langfristig zu sichern und von Pilotprojekten zur dauerhaften Umsetzung überzugehen.
Viele Städte verfügen inzwischen über integrierte Aktionspläne, die für die Partnerstädte aller Aktionsplanungsnetzwerke ein zentrales Ergebnis darstellen. Mit Blick auf die langfristige Entwicklung bleibt die Umsetzung jedoch – vor dem Hintergrund der genannten Herausforderungen – die größte Bewährungsprobe.
Auf dem Weg in eine grünere Zukunft
Die fünf URBACT-Netzwerke zeigen, dass die Ökologisierung der Stadtwirtschaft nicht nur ein einzelnes Ziel ist. Sie ist ein Weg, das Wohlbefinden zu verbessern, den Wandel gerechter zu gestalten, die Grenzen unseres Planeten zu respektieren, die Produktions- und Konsumgewohnheiten der Städte zu verändern und die lokale Regierungsführung zu stärken.
Der Ansatzpunkt kann in jeder Stadt anders sein: eine Strategie für die Kreislaufwirtschaft, ein Industriegebiet, eine vergessene Mauer, eine Schule, ein Gemeinschaftsgarten, ein Ressourcenplattform, ein Verkehrskorridor oder eine lokale Klimaschutzmaßnahme in einem Stadtviertel. Entscheidend ist die Fähigkeit, Menschen, Orte, Wirtschaft und Umwelt miteinander zu verbinden.
Genau hier macht URBACT den Unterschied: Das Programm gibt Städten Zeit, Strukturen und Unterstützung durch europäische Partnerstädte, um Ideen zu erproben, voneinander zu lernen und komplexe Transformationsprozesse in konkrete lokale Maßnahmen zu übersetzen.
Besuchen Sie die Seiten zu den URBACT-Aktionsplanungsnetzwerken und erfahren Sie, wie europäische Städte von Grund auf eine grünere Stadtwirtschaft gestalten, neben vielen weiteren Themenfeldern der Aktionsnetzwerke.
Weitere Materialien zum Thema Ökologisierung der Stadtwirtschaft finden Sie im neuen URBACT Knowledge Hub „Greening Urban Economies“.
Der Artikel basiert auf der Übersetzung des Artikels „47 URBACT cities put the economics of the green transition into practice“ https://urbact.eu/articles/47-urbact-cities-green-transition-practice von Eleni FELEKI