Städte gestalten die Zukunft der Geschlechtergerechtigkeit

Städte haben eine zentrale Rolle, wenn es um die Gleichstellung der Geschlechter geht – eine Voraussetzung für Wohlstand und Lebensqualität.

Bianca Dreyer, URBACT-Expertin für die Initiative Gender Equal Cities, berichtet:

Am 8. März feiern wir den Internationalen Frauentag, der uns an die bereits erzielten Fortschritte im Bereich der Geschlechtergleichstellung erinnert – aber auch an die Arbeit, die noch vor uns liegt.

Im Jahr 2019 wurde die URBACT-Initiative Gender Equal Cities gestartet, um Städte, Forschende und Partnerorganisationen, wie den Rat der Gemeinden und Regionen Europas (RGRE), zu vernetzen und die Ursachen für die anhaltenden strukturellen und politischen Benachteiligungen in europäischen Städten zu untersuchen.

In Europa haben wir bereits einen langen Weg hinter uns: 2021 wurde der 15. Jahrestag der „Europäischen Charta für die Gleichstellung von Frauen und Männern auf lokaler Ebene“ gefeiert, die von 1860 Kommunen aus 36 europäischen Ländern unterzeichnet wurde. Geschlechtergerechtigkeit steht auch im Fokus internationaler Bemühungen und ist eines der „Ziele für nachhaltige Entwicklung“ der Agenda 2030 der Vereinten Nationen.

Städte werden aktiv

„Die Gleichstellung der Geschlechter ist eine Voraussetzung für das Wohlergehen der Bürger:innen und den Wohlstand der Städte. Sie ist ein Grundrecht.", schreibt Corina Crețu, ehemalige EU-Kommissarin für Regionalpolitik, im ersten „Gender Equal Cities"-Bericht, der am Internationalen Frauentag 2019 von URBACT veröffentlicht wurde. Dennoch sind Frauen in vielen Führungsebenen nach wie vor unterrepräsentiert: Laut einer Studie des RGRE machen Frauen 29 Prozent der Abgeordneten und nur 28,8 Prozent der Vorstandsmitglieder börsennotierter Unternehmen in der EU aus. Doch wie können wir diese Problematik auf kommunaler Ebene angehen?

URBACT unterstreicht die Rolle der europäischen Kohäsionspolitik bei der Überwindung des Gender-Gaps – beispielsweise durch die Verbreitung von Wissen, Schulungen und vertiefende Berichte zu dem Thema. Das URBACT-Netzwerk GenderedLandscape bringt EU-Städte und Gemeinden zusammen, die sich für die Geschlechtergerechtigkeit in der Stadtpolitik, der Stadtplanung und den städtischen Dienstleistungen einsetzen. Im Rahmen von Gender Equal Cities unterstützt URBACT Stadtverwaltungen bei der Förderung eines positiven Wandels durch geschlechtersensible politische Maßnahmen, Berichte, Engagement in sozialen Medien, Veranstaltungen, Lernprogramme und Arbeitshilfen. Der Bericht „Gender Equal Cities“ verdeutlicht, an welchen Stellen in den Kommunen in der EU Verbesserungen möglich sind und identifiziert „Best Practices“ von Städten, die einen Wandel in Richtung Gleichstellung vorantreiben.

Dennoch kann kein Land und keine Stadt von sich behaupten, vollständige Geschlechtergerechtigkeit erreicht zu haben. Zudem entwickelt sich das Konzept der Geschlechtergleichstellung stetig weiter, wodurch neue Forschungsarbeiten und laufende Kooperationen mit Städten vorangetrieben werden.

Welche Gender-Themen werden aktuell von URBACT adressiert?

Der neue „Gender Equal Cities“-Bericht, der im Rahmen des URBACT City Festivals im Juni 2022 vorgestellt wird, befasst sich damit, wie Städte die Geschlechtergleichstellung zukünftig weiterhin fördern können. In Anlehnung an die Schwerpunktbereiche des Berichts stellen wir Ihnen drei Beispiele für städtische Maßnahmen vor, die Sie erwarten werden:

1. Intersektionalität – Tilburg

Das Geschlecht ist lediglich eine

Facette der Identität. Der Begriff der Intersektionalität beschreibt die Überschneidung und Gleichzeitigkeit verschiedener Identitätskategorien. Die Arbeit von URBACT berücksichtigt diese vielfältigen Erfahrungen aller Personen, die in Städten leben. Die Bürger:innen teilen ihre Erfahrungen in einem Netz miteinander verwobener Identitäten – wie ethnische oder klassenspezifische Gruppenzugehörigkeit , sexuelle Orientierung oder Behinderung.

Die niederländische Stadt Tilburg begegnet Jugendarmut mit dem Projekt ForwArt - Moving forward with the power of art: from a place to hide to a place of pride".

Angesichts der Bedeutung der Kultur für den sozialen Zusammenhalt in Städten nutzt das Projekt die darstellenden Künste außerdem als Plattform für den Austausch zwischen Menschen mit multikulturellem Hintergrund. Das kulturelle Ökosystem, das dadurch in Nord-Tilburg entsteht, hilft jungen Menschen, ihre eigene Kultur zum Ausdruck zu bringen und sich dadurch auch in ihrem Umfeld wohler zu fühlen.

2. Überalterung – Barcelona

In Vila Veïna in Barcelona werden die Bedarfe rund ums Älterwerden und die Rolle von Frauen in der Pflegearbeit neu gedacht, indem diese Aufgabe nicht mehr von Einzelpersonen, sondern ganzen Gemeinden übernommen wird. Die Initiative bietet Pflege in kleinen lokalen Einrichtungen an, in denen spezialisierte Fachkräfte, Pflegebedürftige und Nachbar:innen sich in einem Netzwerk zusammenfinden, das gemeinsam Sorge für das kollektive Wohlergehen trägt.

„Die Einführung von Vila Veïna in der Stadt entspricht einem Wandel des Sozial- und Gesundheitswesens, bei dem Nähe, gemeinsame Verantwortung und individuelle Betreuung im Vordergrund stehen. Die wichtigste Veränderung besteht darin, dass Pflege als Gemeinschaftsaufgabe und nicht als etwas Privates oder Individuelles verstanden wird", berichtet die Stadtverwaltung von Barcelona.

3. Smart Cities – Umeå

Frauen sind in den MINT-Fächern

(Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik) nach wie vor stark unterrepräsentiert, sei es in der Ausbildung oder im Berufsleben. Das hat weitreichende Auswirkungen auf die Gesellschaft als Ganzes: Könnte zum Beispiel eine größere demografische Vielfalt in der Klimafolgenforschung zu klimafreundlicheren Lösungen führen? Und wie kann eine Smart City den MINT-Sektorstärker einbeziehen? Vertreter:innen der URBACT GenderedLandscape-Städte haben sich gemeinsam mit führenden Expert:innen im September 2021 in La Rochelle in Frankreich diesen Fragen gestellt und Lösungen erarbeitet.

Die schwedische Stadt Umeå, Leadpartner des GenderedLandscape-Netzwerks verbessert ihre Maßnahmen unter Berücksichtigung der Geschlechtergleichstellung als grundlegenden Baustein für eine nachhaltige Stadtentwicklung. Der Wachstumsplan von Umeå verdeutlicht, dass nur durch die Schaffung gleichberechtigterer und integrativer Städte nachhaltige Lebensbedingungen für die europäischen Bürger:innen erreicht werden können – in sozialer, finanzieller und ökologischer Hinsicht.

Wie geht es weiter?

URBACT baut auf seinen jüngsten Erfolgen und Kompetenzen auf und bringt europäische Expert:innen für Geschlechtergerechtigkeit mit lokalen kommunalen Akteur:innen zusammen. Am 19. und 20. April 2022 fand die erste Präsenzveranstaltung der neuen Projektphase von #GenderEqualCities in Wien statt. Dort haben wir die Neuauflage des Bericht und neue Fallstudien vorgestellt, uns mit städtischen Akteur:innen vernetzt und über neue Möglichkeiten zur Förderung geschlechtergerechter Städte im Rahmen von URBACT IV diskutiert.

Adele Bucella, URBACT-Leiterin für Projekt- und Programmplanung kommentierte den Beginn einer neuen Phase bei URBACT: „Es geht darum, auf den bisherigen Erfahrungen von URBACT aufzubauen, um Städten zu helfen, bessere Orte zum Arbeiten und Leben zu werden. Während die ‚DNA' von URBACT im neuen Programm erhalten bleibt – wie die bewährte „URBACT-Methode“ – gibt es auch einige inspirierende Veränderungen, auf die wir uns freuen können. Dazu gehört beispielsweise die Unterstützung beimAufbau von Strukturen und Kompetenzen in wichtigen, themenübergreifenden Bereichen, die für alle Städte in Europa relevant sind, wie die Gleichstellung der Geschlechter.“ Der neue Bericht „Gender Equal Cities" ist dabei ein wichtiger Baustein.

Weiterführende Informationen

Lesen Sie hier mehr über die geschlechtsspezifischen Auswirkungen der Covid-19-Pandemie von Sally Kneeshaw, URBACT-Programmexpertin, und Jamie Just, Politikberaterin beim RGRE.

Lernen Sie GenderedLandscapes auf ihrer internationalen Konferenz am 9. und 10. Juni 2022 in Umeå, Schweden kennen. Thema der Konferenz ist die aktuelle Forschung und Praxis zur Gleichstellung der Geschlechter in europäischen Städten.

Teilen Sie auf Twitter Praxisbeispiele aus Städten mit effektiven und innovativen Konzepten zur Geschlechtergleichstellung mit uns, indem Sie @URBACT taggen.

Schauen Sie außerdem auf der Website die Initiative Gender Equal Cities des URBACT Knowledge Hub vorbei und nehmen Sie mit dem Hashtag #GenderEqualCities an der Diskussion teil!

Der Artikel basiert auf dem aus dem Englischen übersetzten Artikel „Cities are shaping the future of gender equality“ von Bianca Dreyer. Übersetzung von Maximiliane Elspaß.

Bildnachweise:
1. Intersektionalität – Tilburg © Urban Innovative Actions
2. 
Überalterung – Barcelona © Barcelona City Council
3. Smart Cities – Umeå © GenderedLandscape, URBACT

Submitted by Lilian Krischer on 18/05/2022